Hallo und Tschüss – kreative Arbeit am Alltagsritual

s.feulner | 19. März 2017

Mein Praxisprojekt “Hallo & Tschüss” im Rahmen des Kurses “tAPP – Musik mit Apps in der kulturellen Bildung” habe ich in Kooperation mit Judith Zykan im Kinder- und Jugendkulturzentrum Statthaus Böcklerpark in Berlin Kreuzberg durchgeführt. An drei aufeinanderfolgenden Tagen im Januar 2017 haben wir jeweils zwei Stunden einen offenen Workshop für bis zu neun TeilnehmerInnen angeboten. Der Inhalt war die kreative Auseinandersetzung mit dem Alltagsritual der Begrüßung und Verabschiedung.

 

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   Setting

 

Das Statthaus befindet sich in Berlin Kreuzberg in direkter Umgebung des Wohnkomplexes Böcklerpark und U-Bahnhofs Prinzenstraße, es ist ein Kinder- und Jugendkulturzentrum. Konzeptionelle Schwerpunkte des Hauses sind niedrigschwellige, attraktive, offene Kinder- und Jugendarbeit, Projektarbeit und Veranstaltungen. Gut 90% der BesucherInnen wohnen im umliegenden Wohnkomplex und dessen direkter Umgebung. Viele von ihnen kommen aus Familien mit geringem Einkommen und vielfältiger kultureller Herkunft. Die Nachmittagsbetreuung im Statthaus bietet den Kindern und Jugendlichen zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Atmosphäre ist durch hohe Fluktuation, verschieden gelagerte Interessen, unterschiedliche Konzentrationsspannen und einen unermüdlichen Bewegungsdrang geprägt. Das Statthaus wird häufig als spontaner Anlaufpunkt genutzt. Es bilden sich schnell unterschiedliche Gruppenkonstellationen mit verschiedenen Interessen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Herausforderung, die Kids in verbindliche Workshoptermine einzubinden.

 

    Konzept

 

Bei der Entwicklung des Angebots war die Einbeziehung von Charakter und Struktur der Einrichtung, sowie der Lebenswelten der BesucherInnen grundlegend. Als Orientierung diente das Konzept der offenen Werkstatt. Mit Offenheit ist einerseits der freie Zugang für alle Kinder und Jugendlichen gemeint. Andererseits bezieht sich Offenheit auch auf die pädagogische Arbeit. Es sollen keine Themen einfach vorgegeben werden, sondern es wird nach Inhalten gesucht, die Anknüpfungspunkte zur gelebten Realität der Kinder und Jugendlichen bieten. Die Begrüßungsrituale der Kids sind ein spannender Ausdruck für kulturelle Vielfalt, Gruppenzugehörigkeit und alltägliches Verhalten. Sie sind identitätsstiftend und können sowohl verbindend als auch ausgrenzend wirken. Die Idee war es, im Sinne eines lebendigen experimentellen Raums eine kreative Auseinandersetzung über kulturelle Unterschiede anzustoßen.

 

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   Ziele

 

Das Projekt folgt einem ganzheitlichen Ansatz. Es werden neben den iPads Theaterimprovisation sowie das Zeichnen mit Stift und Papier eingesetzt, um die verschiedenen Sinne der Kinder anzusprechen. Am Ende soll eine Einheit aus Musik, Video und Albumcover oder aber eine Zusammenführung verschiedener Fragmente zum selben Thema entstehen. Dabei stellt die Förderung von Kreativität und der Medienkompetenz das wesentliche Ziel des Workshops dar. Ein wichtiger Bestandteil der kindlichen Entwicklung ist die Möglichkeit des freien Ausdrucks mit künstlerischen Mitteln. Kinder lieben es, sich kreativ zu betätigen und ihre Spuren zu hinterlassen. Ihre Produkte sind eine bildnerische und ästhetische Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Lebenswelt. Um diesen Prozess zu unterstützen, wird der Zugang zum Begrüßungsritual auf unterschiedlichen sinnlichen Kanälen gesucht. Das Einnehmen unterschiedlicher Perspektiven fördert komplexere Sichtweisen und ist Voraussetzung für Kreativität. Es ermöglicht, Dinge zu verknüpfen, die vorher nicht verknüpft waren, und damit einen neuartigen Sinnzusammenhang zu erstellen. Kreativen Menschen gelingt es, in nicht bereits vorgefertigten Bahnen zu denken und neue, vielleicht gewagte und auch gesellschaftlich nicht konforme Schlüsse zuzulassen. Kreativität gilt von daher auch als Problemlösekompetenz und hat über den bildnerisch-künstlerischen Bereich hinaus in allen anderen Bildungsbereichen eine große Bedeutung. Mit der Verwendung von Tablets wird die Möglichkeit gegeben, die Geräte als kreatives Instrument anstelle eines bloßen Konsumwerkzeugs zu erfahren. Somit wird zudem die Medienkompetenz der TeilnehmerInnen gefördert und ein gezielter Umgang mit den neuen Techniken vermittelt.

 

Technik1

 

   Planung / Methode / Technik

 

Nach Absprache mit der Pädagogischen Leitung des Statthaus Böcklerpark wurde uns ein Raum zur Verfügung gestellt und in Zusammenarbeit mit Judith Zykan das Angebot des Workshops geplant. Um eine offene Werkstatt zu gestalten, sollte das Thema auf drei sinnlichen Erfahrungsebenen zugänglich sein: Soundexperimente mit dem iPad, gefilmte Theaterimprovisation im Raum und Zeichnen von Covern mit Stiften auf Papier. Alle Elemente sollten die Grundlage für das Workshopergebnis bilden. Die Kids sollten die Möglichkeit erhalten, Sound, Bild und Video als Teile eines zusammenhängenden Kunstprojekts zu erkennen. Um der hohen Fluktuation im Statthaus gerecht zu werden, war der Kurs so angelegt, dass die Kids jederzeit ein- und aussteigen konnten. Nicht eine feste chronologische Abfolge von Lerninhalten sollte den Rahmen bilden, sondern eine prozessorientierte Didaktik. Es gab keine Altersbeschränkung, die Gruppengröße sollte neun TeilnehmerInnen nicht übersteigen, um eine individuelle Auseinandersetzung zu ermöglichen. Drei Tablets sollten Gruppenarbeit spontan entstehen lassen. Die iPads, sechs Kopfhörer, drei Klinkenverteiler und ein Boxensystem konnten über das Medienkompetenzzentrum Reinickendorf geliehen werden. Für das Projekt wählten wir die Musikapps Pyka_loop, Audioshare und Auxy, weil diese sehr leicht zugänglich sind und keine Vorkenntnisse voraussetzen. Wir haben das Angebot im Statthaus über Flyer und Mundpropaganda beworben und an drei festgelegten Tagen stand die Tür zu unserem Raum für je zwei experimentierfreudige Stunden offen.

 

pads in action

 

   Ausdruckselemente

 

Spiel

Um spielerisch ins Thema einzuführen, improvisierten wir zunächst frei im Raum mit den Elementen Bewegung, Sprache und Gestik zum Thema Begrüßung und Verabschiedung. Dabei wurde die Wahrnehmung auf das aktuelle Geschehen gelenkt. Kurze Szenen haben wir mit dem Smartphone gefilmt. Die Theaterimprovisationen mündeten in Soundimprovisationen anhand derer wir auch schon die erste Musikapp Audioshare vorstellen konnten.

 

Hierzu ein Soundbeispiel:

 

Ton

Weitere Musik-Apps, die wir den Kindern während des Workshops vorstellten, waren Pyka_loop und Auxy. Die meisten Kids fanden zu der Musikapp Auxy zunächst einen visuellen Zugang, erst mit der Zeit fand eine akustische Auseinandersetzung mit der App statt. So entstanden einige interessante Klänge, die, genauso wie Beatboxfragmente und Sprachaufnahmen Eingang in den Song „Hallo und Tschüss“ fanden. Die Soundelemente wurden mit Audacity zu einer Klangcollage verarbeitet und anschließend zusammen mit den Videoaufnahmen in Imovie zu einem Videoclip zusammengefügt.

 

 

Sound-Experimente

 

 

Bild

Über den gesamten Workshopzeitraum hatten die TeilnehmerInnen jederzeit freien Zugang zu Stiften und Papier, um Gedanken und Ideen als Inspiration zum Zeichnen eines Albumcovers einzusetzen. Hier war auch der Ort für Reflexion über das Projektthema gegeben und um sich die Frage zu stellen, wie sich die eigenen Begrüßungsrituale von denen der anderen unterscheiden. Jeder suchte eine eigene Bildsprache zur Darstellung seiner Fantasie.

 

cover

Auswahl Cover

 

   Fazit

 

Der Workshop hat den TeilnehmerInnen die iPads als Mittel zum Ausdruck eigener Kreativität vorgestellt und vermittelt, dass die Geräte in Verbindung mit Musikapps einen spielerischen und interaktiven Umgang mit Sounds möglich machen. Deutlich konnte ich dabei das Interesse und die Neugier der Kinder im Umgang mit den vorher unbekannten Anwendungsmöglichkeiten, der sonst zum Konsumieren vorgefertigter Angebote verwendeten Tablets bemerken. Der Ansatz, verschiedene sinnliche Ausdrucksmöglichkeiten zusammen zu bringen, konnte gut umgesetzt werden. Die Kinder näherten sich dem Thema der Begrüßung und Verabschiedung aus unterschiedlichen Perspektiven. Ein Selbstwirksamkeitserleben hat durch das Erfahren von Erfolgserlebnissen stattgefunden. Das vorher als alltäglich empfundene Ritual wurde sinnlich wahrnehmbar. Unterschiede wurden sicht- und austauschbar und eine Verhandlung über gegenseitige Anerkennung konnte angestoßen werden. Einen Erfahrungsraum als offene Werkstatt zu gestalten war eine große Herausforderung für mich und die Kinder. Deutliche Altersunterschiede von fünf bis dreizehn Jahren, die ständige Fluktuation der TeilnehmerInnen und der kurze Zeitraum des Workshops haben eine produktive Gruppenarbeit erschwert und die Intensität der kreativen Arbeit negativ beeinflusst. Eine strukturierte Kreativitätsförderung ist in einer offenen Gruppe meiner Erfahrung nach nur eingeschränkt möglich und fordert von allen Beteiligten andauerndes situatives Handeln. Der Widerspruch zwischen der größtmöglichen Offenheit und dem Vertiefen von Inhalten lässt sich schwer überbrücken. Für das Wiederaufgreifen wichtiger Fragen und Themen, die sich während der Arbeit ergeben, bleibt wenig Gelegenheit. Im besten Fall gelingt das Impulsgeben auf individueller Ebene. Für weitere mögliche Workshops ist mir bewusst geworden, dass der Ansatz einer offenen Werkstatt in bestehenden Umgebungen der Kinder- und Jugendbetreuung als kurzzeitige künstlerische Intervention gelingen kann. Ein derartiges Angebot ist gut dafür geeignet, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und das Interesse an der kreativen Auseinandersetzung mit einem Thema zu wecken. Dabei müssen aber Abstriche an die Gruppenarbeit und das Vertiefen der Inhalte gemacht werden. Um einen größeren Rahmen von Reflexion und Kreativitätserlebnissen zu erreichen, würde ich eine feste Gruppenstruktur und eine längere Kursdauer bevorzugen.

 


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