Schau hin, da ist Musik!

Nicole Rauch | 27. Februar 2017

Ein audiovisueller Musikworkshop mit der App Vidibox.
Musik hören und Videos ansehen gehört zu den Hauptbeschäftigungen von Jugendlichen mit dem Smartphone oder Tablet. In diesem Workshop haben wir die beiden Darstellungsformen Musik und Video verbunden und sind selbst aktive Produzentinnen und Produzenten von kreativen Musikvideos geworden!

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Die App: Vidibox

 

Projektidee

Schau hin, da ist Musik! sollte den Kinder und Jugendlichen die Augen und Ohren öffnen für die Klänge und Rhythmen, die sie täglich umgeben und meistens gar nicht als solche wahrgenommen werden. Als Basis für das Projekt galt die rhythmische Bewegung in Form von Body-Percussion. Die Teilnehmenden sollten sich ausgehend vom Rhythmus an weitere, andersartige Klänge herantasten. Da Rhythmus etwas ist, das nicht nur gehört sondern auch gesehen werden kann, wurde mit der App Vidibox gearbeitet, die beide Sinne sehr schön verbindet. Die Idee war es, dass die Kinder und Jugendlichen auf die Suche gehen nach unterschiedlichsten Klängen und diese akustisch sowie visuell einfangen und präsentieren.

 

Ziele

Die Ziele des Workshops lassen sich wie folgt in Kürze beschreiben:

  • Auseinandersetzung mit den Themen Rhythmus und Klang
  • Ein Gefühl bekommen für das eigene musische Talent
  • Einen niederschwelligen Zugang zu Musik schaffen, indem die Kinder und Jugendlichen dort abgeholt werden, wo sie (in Bezug auf ihre musischen Talente und Vorlieben) stehen
  • Das eigene Körpergefühl stärken durch Body-Percussion
  • Erste Erfahrungen sammeln, wie mit Apps Musik gemacht werden kann
  • Neue, ungewohnte Klänge entdecken (akustisch und visuell)

 

Methoden

Um in das Thema einzusteigen wurde zuerst mit Methoden aus der Rhythmik gearbeitet. Daher haben wir zu Beginn mit uns selbst Musik gemacht und verschiedene Rhythmen durch Body-Percussion entwickelt. Um den Übergang vom Musizieren mit dem Körper hin zum iPad herzustellen, wurden die Rhythmen beispielhaft von den Workshopleiter_innen mit der App Vidibox aufgenommen und gezeigt. Diese Methode diente gleichzeitig dazu, die App spielerisch zu erklären. Erst dann bekam jede der beiden Kleingruppen (zwei Kleingruppen á drei Kinder und Jugendliche) ein eigenes iPad. Die Teilnehmenden haben in Gruppenarbeit gearbeitet. Um die App zu entdecken, Klänge zu finden und eigene Rhythmen zu entwickeln hatten die Gruppen freie, kreative Zeit und konnten sich in Teamarbeit technisch und musikalisch ausprobieren.

Der Workshop setzte also auf folgende Methoden:

  • Intuitiv zu bedienende Technik (iPad mit der App Vidibox)
  • Kurze Erklärungen durch die Workshopleiter_innen, wo Hilfe benötigt wurde
  • Teamwork
  • Selbst ausprobieren

 

App Vidibox

vidibox-logo

Vidibox ist eine audiovisuelle App für das iPad, mt welcher kreative Videos erstellt und geremixed werden können.   Einen guten ersten Überblick über die Funktionsweise der App gibt das Video:

 

Materialen

Mit folgender Technik wurde gearbeitet:

  • Beamer
  • HDMI-Kabel
  • iPad Adapter (Beamer zu iPad)
  • 4 iPads
  • Portable Bose-Box

Sonstige verwendete Materialen:

Stifte, Papier, Gläser, Tisch, Stühle, um die Geräusche zu machen

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Für alle gut sichtbar: Vidibox mit dem Beamer projiziert

 

Rahmenbedingungen

Für den Workshop standen drei Stunden in einer Flüchtlingsunterkunft in München zur Verfügung. Der erste Kontakt entstand durch eine Kunstpädagogin der Inneren Mission München, die dort mit geflüchteten Kinder und Jugendlichen arbeitet. Sie half bei der Akquise der jungen Menschen und stellte uns die Räumlichkeiten in der Unterkunft zur Verfügung.

Die Zielgruppe bestand aus Kindern und Jugendlichen ab 8 Jahren. Insgesamt kamen sechs Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 8 und 14 Jahren, die von Anfang bis Ende dabei geblieben sind. Die Gruppe teilte sich gleichmäßig in drei Mädchen und drei Jungen auf. Unterstützt wurde ich von einem Kollegen, der selbst Medienpädagoge und Musiker ist. Da wir nicht genau wussten, ob alle Teilnehmenden bereits gut Deutsch sprechen, haben wir uns im Vorfeld auch darauf vorbereitet, wie die App mit wenigen einfachen Worten erklärt werden kann. Allerdings konnten alle bereits sehr gut Deutsch, sodass wir nur wenige Begrifflichkeiten wie „Rhythmus“ erläutern mussten.

Für den Workshop stand uns der Aufenthaltsraum der Unterkunft, Gänge und das Treppenhaus zur Verfügung. Wichtig war uns von vornherein, mehr als nur einen Raum zur Verfügung zu haben, damit sich die Gruppen nicht gegenseitig stören, wenn Klänge und Videos aufgenommen werden.

 

Workshop

Hier eine kurze Übersicht über den Ablauf des Workshops:

  • Vorstellung
  • Einstieg über Rhythmus und Einstiegsfragen
  • Body-Percussion
  • Erklärung der App Vidibox
  • Zeit um eigene Rhythmen und Klänge mit Vidibox aufzunehmen (Kleingruppen)
  • Präsentation der Zwischenergebnisse
  • Was kann noch ausprobiert werden? (Weitere Zeit um Klänge aufzunehmen.)
  • Präsentation der Musikvideos
  • Gemeinsames Spielen des „We will Rock you“-Refrains mit Vidibox und Gegenständen, die als  Instrument fungierten

Die Neugier war bereits groß, als wir den Beamer aufbauten und das Tablet anschlossen. Doch bevor die Teilnehmenden selbst an das Gerät durften haben wir uns erst einmal über Musik unterhalten. Wir wollten zuerst herausfinden, welche Musikerfahrungen sie bereits haben, welche Musik sie selbst gerne hören und ob sie schon einmal mit dem Smartphone oder Tablet Musik gemacht haben.

Obwohl alle es kaum erwarten konnten sofort das Tablet in die Hand zu nehmen, fingen wir zuerst mit Body-Percussion an. Wir spielten verschiedene Rhythmen mit unseren Händen und Füßen. Dabei trommelten wir auf den Tisch, benutzten unsere Brust als Bass und klatschten in die Hände. Zuerst im Sitzen, dann standen wir auf und stampften, um den Bass zu erzeugen.

Was dann geschah, prägte den weiteren Verlauf des Workshops ungemein: Ein Junge klopfte den Beat von „We will rock you“, sang dazu und setzte uns damit allen einen Ohrwurm in den Kopf…

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Wie klingt das Geländer?

Direkt im Anschluss zeigten wir den Teilnehmenden die App Vidibox, indem wir den Rhythmus, den wir eben noch zusammen getrommelt hatten, beispielhaft aufnahmen. Die Kinder und Jugendlichen verstanden das Prinzip von Vidibox sofort und wollten gleich selbst loslegen. Wir teilten die Gruppe in zwei Dreiergruppen auf. Eine davon blieb im gleichen Raum, die andere ging hinaus in das Treppenhaus, um ungestört Töne und Videos aufnehmen zu können.

Nachdem beide Gruppen Zeit hatten die App auszuprobieren, trafen wir uns wieder in unserem Raum und sahen uns die bisherigen Ergebnisse an. Was haben die anderen gemacht? Was könnten wir noch machen? Gefällt uns das was wir bisher haben? Nachdem wir diese Fragen geklärt hatten, tauschten die Gruppen die Räumlichkeiten. Am Ende kristallisierte sich heraus, dass allen der Song „We will rock you“ als Ohrwurm im Kopf herumschwirrte, denn beide Gruppen wollten unabhängig voneinander genau diesen Beat spielen und den Refrain singen.

Am Ende haben wir deshalb den bekannten Refrain des Liedes zusammen gespielt. Ein Teilnehmer spielte den Rhythmus mit Vidibox auf dem Tablet. Ein weiterer Teilnehmer wollte singen und rappen und die anderen spielten mit Gegenständen im Raum mit. Auf diese Art und Weise spielten wir das Stück abschließend zwei Mal durch.

 

Handlungsalternativen

Um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, überlegten wir uns im Vorfeld auch Alternative Workshopinhalte und suchten passende Apps dazu heraus. Das Alternativprogramm bestand aus den beiden Apps Launchpad und Projection Mapping.

Projection Mapping

Projection Mapper Logo

Novation Launchpad

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Mit Projection Mapping lassen sich spielend leicht eigene Visuals erstellen. Benötigt wird dazu nur die App und ein Beamer. Das interessante dabei ist, dass auch eigene Videos und Bilder in digitale Kunstprojektionen verwandelt werden können. Die Gestaltung der Visuals ist einfach, macht Spaß und sieht vor allem in einem ganz dunklen Raum eindrucksvoll aus. Möglich ist es auch, die Visuals live zu Musik einzuspielen, abzustimmen und zu gestalten. Das Video zeigt gut, wie die App funktioniert:

So können zum Beispiel Remixe der App Launchpad zusammen mit Projektionen von Projection Mapping live aufgeführt werden. Die Alternative wurde im Vorfeld ausgewählt falls einige Teilnehmende lieber etwas anderes als Musik gemacht hätten oder mit der App Vidibox nicht zurecht gekommen wären. In diesem Fall hätte es eine Launchpad-Gruppe und eine Projection Mapping-Gruppe gegeben.

Wie die App Launchpad funktioniert erläutert das Video:

 

Reflexion

Die Teilnehmenden konnten viel selbst ausprobieren und aktiv gestalterisch tätig werden. Spannend war zu sehen, dass fast alle der Kinder und Jugendlichen die Rhythmen der Body-Percussion geübt haben und nochmals probieren wollten, wenn es nicht gleich geklappt hat. Diese Methode eignet sich gut um in den Workshop einzusteigen und schafft eine lockere Atmosphäre gleich zu Beginn. Beachtet werden muss dabei allerdings, dass für viele der Kinder und Jugendlichen auch sehr einfache Rhythmen, über die als Musiker_in nicht nachgedacht werden muss, schwer sein können. Daher ist es sinnvoll, erst sehr langsam und einfach zu beginnen, um dann Stück für Stück eine Steigerung einzubauen.

Vidibox ist eine einfach zu bedienende App, mit der sich auch in kurzer Zeit kreative und vor allem gut präsentierbare Ergebnisse erstellen lassen. Zu beachten für weitere Workshops mit der App Vidibox ist lediglich, dass die erst 8-Jährigen damit noch etwas überfordert waren. Das könnte auch daran liegen, dass sowohl auf das Bild, als auch auf den Klang geachtet werden muss. Für jüngere Teilnehmende war das noch etwas zu viel verlangt. Für die Älteren war die App allerdings sehr gut zu bedienen.

Die Teilnehmenden haben insgesamt einen Einblick bekommen in das Musizieren mit Apps, konnten ihr Gefühl für Rhythmus schärfen und alltägliche Gegenstände und Handlungen aus einer andersartigen, musikalischen Perspektive betrachten und erleben.

Für mich selbst habe ich aus diesem Workshop vor allem die Erkenntnis mitgenommen, dass jede noch so gute Planung und Vorbereitung immer auch eine gewissen Flexibilität beinhalten sollte. Der Workshop wurde von mir und meinem Kollegen im Vorfeld gut durchdacht und vorbereitet, allerdings hatten wir nie vor am Ende des Workshops eine Cover-Version von “We will rock you” aufzuführen. Den Teilnehmenden hat aber genau das an diesem Tag riesig Spaß gemacht. Also warum nicht? Die gute Vorbereitung war wichtig, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Ein offenes Ohr für die Wünsche der Teilnehmenden zu haben ist wichtig, solange man seine Ziele weiterhin im Fokus hat – bekanntlich führen viele Wege nach Rom.

 

 

Nicole Rauch ist medienpädagogische Referentin beim JFF-Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, dem Bayerischen Jugendring (BJR) und der Medienfachberatung Niederbayern. Ihre Themen sind unter anderem aktive Filmarbeit mit Smartphone und Tablet, Radioarbeit und Musik machen mit Apps.

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