Erinnerungen durch Geräusche und Bilder wiedererleben

j.gramunt | 27. Februar 2017

Erinnerungen an die Vergangenheit durch den Einsatz von musizierenden Bildern. Eine Musikwerkstatt mit Senioren. Januar 2017 in Barcelona, Spanien.

Vidibox

Die drei Teilnehmenden der Musikwerkstatt: Manel, Ramón und Anna

Idee und Konzept des Workshops

Ich stellte fest, dass Menschen über 65 selten die Möglichkeit haben, mit neuen Technologien oder Medien wie Mobiltelefonen, Tablets oder Laptops umzugehen. Das begrenzt ihre Möglichkeiten mit der jungen Generation zu kommunizieren oder sich auszutauschen. Dabei kann auf beiden Seiten Unverständnis für die jeweils andere Gruppe auftreten. Diese Sprachbarrieren habe ich versucht in der Musikwerkstatt zu überwinden.

Wir alle haben Verwandte oder Bekannte in einem bestimmten Alter, die ihre Geschichten aus der Vergangenheit erzählen, sehr bedeutende Momente in ihrem Leben. Anekdoten, Erinnerungen und Bilder im Kopf von denen haben sie, mit Glück, ein paar Fotos und ihre eigene Erzählung.

Methoden und Ziele

Ziel meines Workshops ist, einer Gruppe von älteren Menschen, die den Umgang mit neuen Technologien nicht gewöhnt sind, diese näher zu bringen und ihnen eine neue Perspektive zu eröffnen. Erreichen möchte ich dies, mittels der Aufnahme und Gestaltung eines Videos mit neuen Multimedia-Instrumenten mit denen sie durch Bilder und Geräusche, einen wichtigen Moment aus ihrer Vergangenheit erzählen können. Mit dieser Werkstatt will ich  den Personen die Möglichkeit geben, durch den Einsatz von Medien, die für sie nicht bekannt sind, ihre Erinnerungen auf eine andere Art und Weise vermitteln zu können. Am Ende der Musikwerkstatt erhalten die Teilnehmer ein Video, das sie erschaffen haben und das sie sehen und vorführen können.

Des Weiteren soll dieser erste Kontakt mit neuen Medien, wie einem iPad, ihnen helfen die Angst vor bestimmten technologischen Produkten zu nehmen und sie zu ermutigen damit zu experimentieren und zu arbeiten, ohne Rücksicht auf mögliche Fehler.

Planung und Vorbereitung

Im Vorfeld habe ich die Arbeitsphasen konzipiert. Es sollte eine kleine Gruppe mit nur drei Teilnehmern sein um mit allen individuell arbeiten zu können. Das erste Treffen sollte mit jedem Teilnehmer individuell stattfinden. Mein Ziel für dieses erste Treffen war es mich über die Teilnehmenden zu informieren und mögliche Zweifel, in Bezug auf unsere Tätigkeit, aus dem Weg zu räumen. Sowie ein Thema zu finden, einen konkreten Moment ihres Lebens, das der_die Teilnehmer_in für die Produktion seines_ihres Videos benutzen wollte.

Bei dem zweiten Treffen soll mit den drei Teilnehmenden das Foto- und Videomaterial in Zusammenhang mit dem Thema, welches sie bearbeiten, gestellt werden. Danach bin ich dazu übergegangen mir meine Teilnehmer zu suchen. Und habe mich entschieden in meinem weiteren Bekanntenkreis zu fragen. Und so habe ich Ramón, Anna und Manel gefunden, sie alle sind ehemalige Mitarbeiter eines Zementunternehmens in Barcelona, die in Rente gegangen sind.

Meine Aufgabe

Meine Hauptaufgaben, abgesehen von der Planung des Workshops, waren die Kommunikation, Koordination und die technische Unterstützung der Teilnehmenden. Was ich vermeiden wollte, war die Entscheidung der Teilnehmenden bezüglich ihrer Auswahl zu beeinflussen. Das war nicht immer leicht. Durch die Hilfestellungen bei der Nutzung der App musste ich immer wieder zu Beispielen greifen, die teilweise gerne akzeptiert wurden.

Kommunikation: In einem Projekt mit digitalen Newcomern ist es besonders wichtig, dass ich die Ziele des Projektes klar und deutlich vermittle, um sie zu motivieren und die Möglichkeiten darzustellen, die diese Medien verbergen, jedoch ohne sie zu beeinflussen.

Koordination: Die Gespräche organisieren und die gemeinsamen künftigen Tätigkeiten  koordinieren.

Technische Unterstützung: Beraten und helfen bei der Suche nach Online-Videos und Geräuschen, der Digitalisierung von Bildern sowie Zweifel und Probleme im Zusammenhang mit der App zu lösen, waren meine Hauptaufgaben.

Durchführung

Der Verlauf der Musikwerkstatt spaltete sich in drei deutlich differenzierte Teile, die an unterschiedlichen Tagen stattgefunden haben.

Erste Phase

Das erste Treffen bestand aus einem Einzelgespräch mit jedem Teilnehmenden, bei dem ich unsere Ziele erklärt habe und einige Zweifel bezüglich des Workshops zerstreut habe. Doch vor allem haben wir ein Thema oder eine konkrete Erinnerung gesucht mit der sie arbeiten wollten.

Jeder Fall war ein bisschen anders. Im Fall von Manel haben wir, nachdem wir noch einmal sein Fotoalbum durchgesehen haben, seine Beziehung zum Meer und dem Strand gewählt, weil es immer eine Konstante im Verlauf seines Lebens war. Anna im Gegenteil wusste ganz genau, dass sie ein Video über ihr Leben mit ihrem Mann und ihrer Familie aufnehmen wollte. Und schließlich Ramon, der fast keine Fotos und noch weniger Videos hatte, dafür aber eine Leidenschaft: Seine Fußballmannschaft. Darüber wollte er ein Video machen, in dem er die für ihn besonderen Momente zeigt. Nachdem wir die Themen konkretisiert haben, haben wir uns für die nächste Phase verabredet, in der wir zusammen die Elemente ausgewählt haben, die wir für die Realisierung Videos benutzen wollten.

Zweite Phase

Das zweite Treffen war die zeitintensivste Phase. Sowohl Manel als auch Anna brachten ihre Fotoalben mit, die wir in Abhängigkeit von der Wichtigkeit der Bilder für sie und ihre Bedeutung ausgewählt haben. Außerdem haben wir Videos und Geräusche online gesucht, die ihre Bilder untermalen und unterstützen konnten. Die Bilder haben eine Stimme bekommen und die Projekte mehr Bewegung und einen besseren Fluss.

Im Falle von Ramón, der fast kein Bild hatte, war der Prozess etwas leichter, weil wir uns auf die Suche nach Sportaufnahmen machten, die er in Verbindung mit der Mannschaft Español erlebt hat.

Nach Erfassung der Videos, Bilder und Geräusche habe ich sie digitalisiert und bearbeitet, damit wir diese in unserem nächsten Treffen benutzen können.

Vidibox

Die drei Teilnehmenden der Musikwerkstatt: Manel, Ramón und Anna

Dritte Phase

In diesem dritten Treffen habe ich zum ersten Mal die App (Vidibox), die wir für unsere Tätigkeit benutzt haben, den Teilnehmenden vorgeführt. Vidibox ist eine Musikapp, die die Möglichkeit bietet Musik und Videos in Echtzeit zu mixen. Ich habe mit dieser Musikapp gearbeitet, weil ich sie sehr intuitiv finde. Mit Vidibox kann man einfach und schnell Audio und Video getrennt importieren und editieren.

In früheren Phasen wollte ich, dass sie sich auf ihre Ideen konzentrieren. Ich wollte, dass sie sich keine Sorgen wegen des iPad machen, deshalb habe ich bis zum Ende dieser Phase gewartet, um ihnen die App vorzustellen.

Jeder Teilnehmende hat angefangen die Fotos, Videos und Geräusche nach seinen eigenen Kriterien zu sortieren. Ramón (Fußball) und Anna (Familie) haben sich für eine chronologische Reihenfolge entschieden. Manels (Strand) Entscheidungen hatten mehr mit  der Ästhetik zu tun.

Nach der Sortierung des Materials, das wir benutzen wollten, haben wir angefangen zu kombinieren, um zu gucken, in welche Richtung sie untereinander besser funktionieren. Wie lange sollten die Bilder oder die Videos angezeigt werden? Was für Geräusche eignen sich, welche nicht? Das haben sie so lange ausprobiert, bis sie ein Ergebnis erzielt haben, mit welchem sie zufrieden waren.

Fazit und Ausblick

Die Entwicklungen während unserer gemeinsamen Arbeit waren zu jeder Zeit sehr positiv. Die drei Teilnehmenden hatten immer viel Interesse an dem Workshop und fanden es spannend auf diese Weise ihre Erinnerungen mit den anderen zu teilen.

Die erste und zweite Phase war natürlich und spontan und haben insgesamt besser funktioniert. Bei unserem dritten Treffen war die Zusammenarbeit mit dem iPad ein bisschen kompliziert. Am Anfang waren sie abgeneigt mit dem iPad allein zu spielen und Funktionen selber auszuprobieren.

In dieser dritten Phase habe ich mich mit zwei Faktoren konfrontiert. Einerseits hatten die Teilnehmer die Angst, die Tools, die sie nicht kannten, selbstständig zu bedienen. Andererseits hatte ich Probleme mit den typischen Klischee von Videos, die man auf YouTube finden kann. Die Teilnehmer hatten eine starke Tendenz Videos zu kreieren, die eine Hintergrundmusik haben und wo die Bilder ohne Kreativität sortiert sind.

Weil ich nicht meine Ideen aufzwingen wollte, habe ich den Teilnehmer andere Möglichkeiten versucht nahezubringen, wenn ich das Gefühl hatte, dass sie Hilfe brauchten. Ich wollte, dass sie mit der App ohne Zögern und Voreingenommenheit spielen konnten. Zeitweise sollte ich aktiver an der Tätigkeit teilnehmen, als ich zu Beginn angenommen habe, damit sie Vidibox richtig anwenden konnten. Es war sehr interessant zu sehen, dass letztendlich alle Teilnehmer an den Videos von ihren Kollegen mitgewirkt haben. Sie haben Ratschläge und Information über die App miteinander geteilt. Untereinander fand ein reger Austausch über die Inhalte und die Anwendung statt. Am Ende der Tätigkeit waren alle sehr zufrieden, weil sie ihr eigenes Video hatten, das sie ihrer Familie und ihren Freunde zeigen konnten. Das Ergebnis war für alle gut und ein Erfolgserlebnis. Diese positive Erfahrung mit neuen Technologien hat dazu geführt den Teilnehmenden die Angst vor der Nutzung solcher Medien zu nehmen. Bei zukünftigen Projekten mit Appmusik, würde ich gerne mehr Zeit in die Durchführung der Tätigkeit investieren, um eine noch intensivere Auseinandersetzung mit der Materie möglich zu machen. Nächstes Mal möchte ich keine Geräusche aus dem Internet benutzen, sondern Sounds, die die Teilnehmenden selbst produziert oder ausgenommen haben.

 

Seit 1999 bin ich DJ und spiele Hip Hop und Reggae in dem Musikkollektiv Nyahbingi Sound aus Barcelona. Aktuell sind wir die Resident Djs in dem Boombastic Club (www.boombasticclub.com) und spielen regelmäßig Musik in Clubs und Festivals in Europa. Außerdem bin ich Grafikdesigner und Illustrator, arbeite freiberuflich und bin spezialisiert in Print, digitale Formate und Brand Design.

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