Waldorfschule trifft tAPP: Musik mit Apps

Erich Pluskat | 25. Februar 2017

Beim Vorbereiten meines technischen Equipments für mein Praxisprojekt im Rahmen des Zertifikatskurs tAPP – Musik mit Apps in der Kulturellen Bildung kam ein Schüler in den Musikraum und sagte zu seinen Mitschülern scherzend: „Wir machen jetzt Musik mit Handys?!“ Er hatte bei der Ankündigung dieses Projektes gefehlt und wusste also nicht, dass so etwas wirklich Thema sein würde. Ich erwiderte: „Das ist nicht ganz richtig, wir machen jetzt Musik mit iPads.“ Darauf der Schüler: „Sie machen doch Scherze!“ Ich erwiderte: „Nein!“ Der Schüler war überrascht und man sah ihm die Freude an. (Hintergrund: In der Waldorfschule gilt absolutes Handyverbot und digitale Medien werden in der Schule kaum verwendet.)

 

Waldorfschule trifft tAPP

Musik mit Tablets – alles andere als klassisch

Projektunterricht in Musik bei der Klasse 11b an der Freien Waldorfschule Kassel

in Zusammenarbeit mit dem Musiklehrer Johan de Wit

Aufbau Waldorf

Alles startklar im Musikraum der Waldorfschule // Foto: Erich Pluskat

Projektfindung

Auf der Suche nach einem Projekt hatte ich zuerst einen anderen Plan gehabt, der sich dann aber als nicht durchführbar herausstellte. Ich hatte den tAPP-Zertifikatskurs für mich eigentlich schon abgehakt und dachte ans Aufhören. Nach einem längeren Gespräch mit Matthias Krebs, dem Leiter des Kurses, habe ich mich dann aber entschieden, weiter zu machen.

Über meine Frau habe ich dann Kontakt mit dem Musiklehrer Johan de Wit an der Freien Waldorfschule Kassel bekommen. Er war, nachdem ich ihm ein paar Apps und ein Grobkonzept vorgestellt hatte, sehr angetan von der Idee mit seinen Schülern ein solches Projekt durchzuführen. Er stellte sich vor, dies gemeinsam im Rahmen einer Musikepoche mit dem Titel „Wie wirkt Musik auf den Menschen“ zu tun, in die das Projekt seiner Meinung nach gut hineinpassen würde.

Projektidee

In der Waldorfschule wird viel Wert auf die künstlerische Bildung gelegt: Zum Beispiel durch Singen, Instrumentalunterricht ab der 1. Klasse und Orchester-Unterricht ab der 5. Klasse. Musizieren, Komponieren und Improvisieren findet mit klassischen Instrumenten ab der 9. Klasse in der Oberstufe statt.

Virtuell, mit PCs, Tablets oder Handys, zu musizieren oder zu komponieren steht den Schülern der Waldorfschule normalerweise nicht zur Verfügung.

Ziele, Methoden, Apps

  • Ziele des Projekts: Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks erweitern, beurteilen können welche Klänge zueinander passen oder nicht und den Song vom theoretischen Wissen in die Praxis umsetzen.
  • Methoden: Arbeiten in Kleingruppen, Experimentieren mit Klängen, Austausch zwischen den Gruppen.
  • Apps: Auxy, Thumbjam, Keezy, Garageband

Rahmenbedingungen

Das Projekt fand im Rahmen des regulären Musikunterrichts der Klasse 11b statt.

In einem Zeitraum von 3 Wochen gab es jeweils am Dienstag und Donnerstag eine Einheit á 45 Minuten.

Die Klasse bestand aus 20 Schülern. Die Anzahl der Teilnehmer wechselte, weil ein Teil der Schüler am Dienstag Unterricht in dem parallel laufenden Werkstattbereich hatte. Den größten Teil der Zeit waren 16 Schüler anwesend.

Musikraum

Panorama vom Musikraum mit den Arbeitsgruppen // Foto: Erich Pluskat

Da sich die Materialbeschaffung für iPads über Ausleihen als sehr schwierig herausstellte, habe ich meinen Gerätepark auf 4 iPads erweitert. Das andere Material wie Kopfhörerverteiler (Sterne), Kopfhörer, Kabel, Lautsprecher und Mischpult besaß ich als Tontechniker bereits.

Ablauf der Unterrichtseinheiten

1.Stunde

In der 1. Stunde habe ich das Projekt „tAPP – Musik mit Apps“ vorgestellt.

Gestartet habe ich dann mit einer Kurzeinweisung der App „Auxy professional“.

Die Gruppen teilten sich selbst ein und erforschten dann die App. Bei Fragen stand ich natürlich zur Verfügung und ich ging von Gruppe zu Gruppe. Dabei stellte sich heraus, dass in den Gruppen alle mit starkem Interesse experimentierten und bis auf einzelne alle die Initiative ergriffen etwas Eigenes dazu beizutragen.

Nach der Stunde kam die Frage auf: Gibt es auch Apps mit dem Klang klassischer Instrumente?

Die 45 Minuten waren sehr  schnell um.

2.Stunde

Die 2.Stunde habe ich mit einer Kurzeinweisung der App „Thumbjam“ begonnen, um damit dem Wunsch nach klassischen Instrumenten zu entsprechen.

Die Schüler hatten dann wieder die nächsten 45 Minuten Zeit sich mit der App zu beschäftigen. Wie bei der letzten Stunde wanderte ich zwischen den Gruppen herum, um eventuelle Fragen zu klären. In einzelnen Gruppen gingen die Schüler dann nach einer Weile zurück auf „Auxy“. Sie wollten lieber auf den gleichmäßigen Beat aufbauen. Eine andere Gruppe experimentierte mehrstimmig mit den Instrumenten auf „Thumbjam“. Wie auch die erste Stunde war diese viel zu schnell zu Ende.

3.Stunde

Zur 3. Stunde tauchten schon einige Schüler vorzeitig aus der Pause auf und fragten, ob sie die Tablets schon haben könnten.

Dies passierte dann auch vor den nächsten Unterrichtsstunden. Das freute mich, da das meinen Eindruck bestätigte, mit welcher Begeisterung sie dabei waren.

Diese Stunde wurde dazu genutzt die Kenntnisse in den beiden ersten Apps zu vertiefen. Zusätzlich fingen einzelne Gruppen an auch andere Apps wie „Garageband“ und „Keezy“ auszuprobieren.

AppGruppe

Eine von fünf Arbeitsgruppen // Foto: Erich Pluskat

Der Musiklehrer Johan de Wit hatte sich inzwischen selbst ein iPad besorgt und sich die Apps installiert, die wir behandelt haben. So hatten wir jetzt 5 iPads zur Verfügung.

Er fragte mich nach dem Zertifikatskurs: „tAPP – Musik mit Apps“ und war sich sicher, mehrere Kollegen zu wissen, die sich für das Seminar interessieren würden.

4.Stunde

Als nächstes kam zur 4.Stunde eine genauere Aufgabenstellung hinzu.

Komponiere einen Song:

  1. Bass als Basis
  2. passender Beat
  3. Klangfläche
  4. Improvisiere eine Melodie
  5. Die Wahl der App ist freigestellt
  6. Länge des Songs ca. 1 Minute

 

Aufgabe

Die Aufgabenstellung an der Tafel // Foto: Erich Pluskat

Die Aufgabenstellung wurde mit den Schülern besprochen. Jede Kleingruppe überlegte gemeinsam wie und mit welcher App sie die Aufgabe lösen wollte und dann ging es schon munter los mit dem Komponieren.

Eine Gruppe teilte sich zum Beispiel so auf, dass jeder in der Gruppe einen Teil komponierte und den den anderen vorstellte. Das ging dann so lange bis alle Beteiligten mit dem Ergebnis zufrieden waren.

Eine andere Gruppe arbeitete sich gemeinsam durch die einzelnen Stufen vom Bass bis zur Melodie.

Jede Gruppe fand gemeinsam auf unterschiedlichen Wegen ihr Ziel. Je größer die Gruppe war, umso länger dauerte der Prozeß.

5.Stunde

Es ergab sich die Möglichkeit die 5. Stunde auf 90 Minuten zu erweitern. So hatten die Schüler mehr Zeit sich auf das Komponieren einzulassen. Die 45-Minuten- Einheiten waren einfach zu kurz.

Gruppe

mit voller Konzentration bei der Komposition // Foto: Erich Pluskat

Die Schüler fingen jetzt an die Aufgabenstellung intensiver mit den verschiedenen behandelten Apps kreativ zu lösen. Zum Beispiel entdeckten sie die Funktion, in „Auxy“ Szenen abzuspeichern, um die Dramaturgie zu steigern.

6. und letzte Stunde

Zur 6. Stunde sollten alle Songs soweit fertig sein.

Wir gaben den Gruppen nochmal 15 Minuten um evtl. Korrekturen durchzuführen.

Dann konnten die einzelnen Gruppen der Klasse vorstellen, was sie komponiert hatten. Sie sollten dann direkt nach dem Song erzählen, was sie am Projekt gut oder schwierig fanden, warum sie welche App gewählt hatten oder was Ihnen sonst noch zum Projekt einfiel.

Einstimmiger Meinung waren alle, dass sie gerne wieder so ein Projekt machen würden, aber bitte mit mehr Zeitumfang. Es hat allen viel Spaß gemacht.

Auxy“ empfanden alle als gute Einstiegs-App mit der man in kurzer Zeit etwas komponieren könne, die aber leider nur die elektronischen Sounds hat. Favorit für ein längeres Projekt wäre aber z.B. „Garageband“, weil es einfach mehr Möglichkeiten bietet.

Mein Fazit zu diesem Projekt

  • 45 Minuten pro Einheit sind einfach zu kurz und reichen im Normalfall nur für den Umgang mit einfachen Apps.
  • Besser wären Einheiten mit 90 Minuten über einen längeren Zeitraum.
  • Es war interessant zu beobachten wie die Kleingruppen in sich und mit den anderen zusammen gearbeitet haben. Einzelne Schüler sind auch zwischen den Gruppen gewandert, um zu hören, was in anderen Gruppen entstand und um Ideen oder Hilfestellungen beizusteuern.

Mir hat es selbst viel Spaß gemacht und ich werde wieder Projekte anbieten. Ich hätte mir gewünscht, dass auch noch andere Instrumente mit eingebunden werden. Dies war aber leider in dem kurzen Zeitrahmen schlecht realisierbar und alle Schüler waren stark auf die für sie neue Technik konzentriert, was auch vollkommen ok war.

Für weitere Projekte muss ich mein Konzept noch mehr darauf fokussieren, wie und welche Apps sich einsetzen lassen um die gesteckten Ziele zu erreichen.

Toll wäre es das bisherige Instrumentarium zu erweitern, um beide Welten, klassische und virtuelle Komposition, gleichberechtigt nebeneinander existieren zu lassen oder sogar zu verknüpfen.

Erich Pluskat ist Gitarrist, Tontechniker und angehender Musiktherapeut. Er hat bei der SAE in Hamburg studiert, ist Multiinstrumentalist, gibt Gitarrenunterricht und spielt in verschiedenen Musik-Projekten. Als Tontechniker hat er auf Kreuzfahrtschiffen und bei diversen anderen Events gearbeitet.

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