Das iPad in der Rockband

mika | 26. Januar 2016

Wer hat Angst vor der Technik?

Gegenwärtig befindet sich die Produktion von Musik, ihre Aufführung und ihre Konsumtion in einem grundlegenden Wandel. Elektronische Hilfsmittel und Instrumente in Form von Synthesizern, Computern, digitalen Effekten etc. nehmen einen immer grösseren Raum innerhalb der Musik ein. Aus diesen elektronischen Hilfsmitteln heraus sind zudem schon vor Jahrzehnten selbst mit analogen Mitteln eigene Musikstile wie z.B. Dub (Dub, King Tubby) entstanden. Insofern lässt sich gegenwärtig nicht von einem plötzlichen Wandel innerhalb der Musik sprechen. Wenngleich dieser Wandel dennoch grundlegend ist, schliesslich sind all die elektronischen Mittel längst nicht mehr aus der zeitgenössischen, allem voran der Popmusik wegzudenken. Und einige der Mittel wie Drumcomputer, Basssynthesizer und digitale Kompressoren sind inzwischen dominierend innerhalb der Popkultur. Auch ist dieser Wandel eine enorme Bereicherung in der Musik und in den letzen Jahren haben sich so viele neue ästhetische Dimensionen entwickelt, dass die Art wie Wir heute Musik wahrnehmen und über Musik nachdenken grundlegend anders und in vielerlei hinsicht komplexer ist als noch vor einigen Jahrzehnten.

Jedoch ist die bisher vornehmliche musikalische Praxis Rechner, externe Hardware-Synthesizer und Drum-Computer zu verwenden zum einen extrem kostenintensiv, zum anderen sind auch ihre Bedienung und Verschaltung, die Grösse und das Gewicht des gesamten Equipments zunehmend Hindernisse. Und dies sowohl in der Komposition und Produktion als auch in der Umsetzung Live auf der Bühne.

Dieser gesamten technischen als auch künstlerischen Entwicklung wird jedoch aktuell aus meiner Perspektive nur bedingt in musikpädagogischen Projekten Rechnung getragen.

Im folgenden möchte ich also ein Projekt vorstellen, bei welchem ich experimentell neue Anknüpfungspunkte innerhalb einer bestehenden musikpädagogischen Infrastruktur ausloten wollte. Meine Idee war es dabei, moderne Techniken in der Musik mittels des iPads gemeinsam mit Jugendlichen zu verwenden und dabei das iPad als gleichberechtigtes Instrument einzuführen und zu vermitteln.

Der Rahmen

Das Werk9 ein Club und Musikschule veranstaltet einmal jährlich in den Herbstferien eine einwöchige Musikfahrt nach Dänemark.

Ziel ist es immer zu einem bestimmten Thema – in diesem Jahr ‚Numbers ‚ – Songs zu sammeln und während der Fahrt mit den Jugendlichen in gemeinsamen Bandproben einzustudieren sowie in der darauf folgenden Woche im Club des Werk9 auf grosser Bühne als Konzert zu performen.

Zusätzlich zur bisherigen Ausrüstung mit Instrumenten, Musikanlagen etc. habe ich zu der Fahrt die iPads mitgenommen und diese mit den Jugendlichen zur Umsetzung der Songs eingesetzt. Dabei habe ich die Jugendlichen sowohl in der technischen als auch musikalischen Umsetzung begleitet.

Die Jugendlichen sind alle durch die Ausbildung und Vermittlung im Werk9 sehr geschult an ihren Instrumenten und sie sind alle Musiker*innen. Insofern kann hier nicht davon gesprochen werden, dass die Jugendlichen an die Instrumente, an das Musizieren, an Bandproben oder Konzerte herangeführt werden müssten. Ganz im Gegenteil verstehen sie die handwerklichen und künstlerischen Bedingungen des Musizierens, welcher einen wesentlichen Teil ihres Alltags darstellt.

Deshalb habe ich auf den iPads Musik-Apps installiert, welche sowohl anspruchsvoll als auch aufgrund ihre Vielzahl an klanglichen Möglichkeiten für Musiker*innen sehr interessant sind.

folgende Apps waren unter anderem auf den iPads installiert:

DM1 | Patterning | iMPC Pro (Drums, Sampling)

  • Unterstützung der rhythmischen Elemente der Songs als Drumcomputer und E-Drums
  • Ersatz des akustischen Schlagzeuges in einzelnen Songs
  • klangbildendes/charakteristisches Element in Songs als Sampler

Chordion | Ondes | Nave | SampleTank | Korg iM1 (Synthesizer)

  • klangbildendes/charakteristisches Element in Songs
  • Lead-Synthesizer
  • Ersatz des E-Bass in einzelnen Songs
  • Ersatz des klassische Stage-Pianos in einzelnen Songs

Die Zielgruppe waren also Jugendliche und junge Erwachsene mit musikalischen Vorkenntnissen bzw. einer musikalischen Ausbildung im Alter von 14 – 23 Jahren.

Das übergeordnete Ziel in der Arbeit mit den iPads war gemeinsam mit den Jugendlichen den Versuch zu wagen einen mittels der iPads sowohl verhältnismäßig einfachen, preiswerten also auch intuitiven und im Live-Betrieb stabilen Lösungsansatz für die Umsetzung zeitgenössischer Popmusik zu finden.

Ganz konkret wollte ich einfach ein paar iPads mit ausgewählten Programmen, mit zusätzlichen Controllern und Adapterkabeln zu der Fahrt als weitere ’normale‘ Instrumente mitnehmen und in dem Prozess der Bandproben als weiteres Instrument einbinden. Tiefgreifendere Gedanken darüber, dass das iPad vielleicht nicht ein Instrument wie andere ist – und sei es nur in der Wahrnehmung anderer – habe ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht gemacht. In meiner Vorstellung war das iPad lediglich ein Instrument, welches ich wie jedes anderes in den Proben vermitteln wollte, natürlich mit seinen Besonderheiten, mit seinen Möglichkeiten und Hindernissen, jedoch sollte am Schluss das iPad als gleichberechtigtes Instrument bei drei Songs live mit auf der Bühne sein.

Dass dies vielleicht schon Ausdruck eines grundsätzlichen Denkfehlers meinerseits sein sollte, kam mir heir noch nicht in den Sinn, doch dazu später mehr.

Eine Zusammenarbeit mit dem Werk9 bot sich zur Umsetzung des Projektes an, da sowohl die Jugendlichen erfahrene Musiker*innen sind als auch die musikalische Ausrichtung des Werk9 auf zeitgenössischer Popmusik liegt. Die für diese Fahrt ausgewählten Songs hatten alle auch einen gewissen Anteil elektronischer Instrumente und markanter Produktionstechniken, welche mit den iPads sehr gut umgesetzt werden konnten.

Projektdurchführung

1. Teil

  • die Fahrt
  • Erarbeitung von Songs in gemeinsamen Bandproben
  • Zeit  26.-31.10.2015
  • Ort   Dänemark/Jütland

2. Teil

  • Konzert
  • Aufführung der einstudierten Songs
  • Zeit  06.11.15   21:00-24:00
  • Ort   Werk9, Berlin

Wie Pläne scheitern

So viel also zu meinem ursprünglichem Plan. Und so schön dieser aus meiner Perspektive gewesen ist, sollte er in der Form nicht funktionieren.

Im wesentlichen habe ich zwei folgenreiche Grundannahmen getroffen,  welche mich in einen Konflikt hinein manövrierten und welchen ich vor Ort gemeinsam mit den Jugendlichen zu lösen hatte.

So hatte ich zum einen angenommen, dass unter jüngeren Leuten die Ablehnung von Instrumentalist*innen gegenüber ‚elektronischer‘ Musik und digitalen Instrumenten nicht mehr, bzw. kaum noch vorhanden ist. Die Grenzen zwischen den Stilen und die Frage was das ‚wahre‘, das ‚richtige‘ Instrument ist, wäre im Grunde genommen obsolet geworden und wir seien an einem Punkt, wo wir uns auf das Musikmachen, egal mit welchen Mitteln konzentrieren könnten.

Zum anderen dachte ich, dass unter Musiker*innen inzwischen viel Wissen über den Umgang mit elektronischen Instrumenten besteht und nicht mehr grundsätzliche technische Fragen besprochen werden müssen.

Reflexion über die Durchführung und über die Ursachen nicht erreichter Ziele

Mein ursprünglicher Gedanke war, den Jugendlichen, die alle selbst erfahrene Musiker*innen sind,  das iPad direkt als Instrument vorzustellen und darauf zu vertrauen, dass sie es sofort nutzen und in den jeweiligen Bands integrieren. Dies ist jedoch nicht eingetreten.

Der Widerstand gegen die iPads ist zu Beginn enorm gross gewesen. Die sowieso schon starke Abgrenzung von ‚richtigen‘ Musiker*innen zu ‚elektronischen‘ Musiker*innen hat sich in Bezug auf das iPad dann noch verstärkt. Von den Jugendlichen ist das iPad zuerst als nicht ernst zu nehmendes Spielzeug wahrgenommen worden. Wirklich Niemand wollte auch nur eines der Geräte in die Hand nehmen.

Somit war für mich klar, das mein Plan die iPads als zusätzliche Instrumente in der Form nicht umsetzbar sein würde. Meine Befürchtung war, dass wenn ich auf die Ablehnung mit Zwang reagieren und einzelne Jugendliche verpflichten würde, mit den iPads zu spielen, es zu einer vollständigen Verweigerung käme. Stattdessen wollte ich also eine andere Lösung wählen.

Somit habe ich die Ablehnung erst einmal hin genommen. Mein Ziel sollte es nun sein, die Jugendlichen überhaupt dazu zu bewegen, die iPads in die Hand zu nehmen und irgendwie damit gemeinsam Musik zu machen.

Also habe ich die iPads am ersten Abend prägnant in die Proberäume gelegt, ohne mich selbst damit zu beschäftigen, in der Hoffnung, dass dadurch das Interesse geweckt und Befürchtungen abgebaut würden.

Da dies jedoch auch noch nicht funktioniert hat, habe ich mich am zweiten Tag selbst in der Mittagspause mit einem iPad hingesetzt, dieses über die Anlage verstärkt und angefangen damit zu spielen. Dadurch gelang es mir bei den Jugendlichen dann das Interesse zu wecken.

Nach und nach sind die iPads in die Hand genommen worden, um damit erst einmal rumzuspielen.

Nach und nach sind dann auch gemeinsame Jamsessions und in diesen Momenten sollte zumindest ein Ziel eintreten, das iPad wurde als gleichberechtigtes Instrument wahrgenommen und eingesetzt.

Über diesen Prozess, der nun wiederum zwei weitere Tage dauern sollte, entstand ein Vertrauen gegenüber meiner Einschätzung, die iPads als Instrumente in den Songs einzusetzen. Interessanterweise sind sie jedoch schlussendlich nur als das sehr nahe liegende Mittel des Drum Computers eingesetzt worden. Zu weiter reichenden Experimenten oder zum Ausloten von Möglichkeiten fehlte am Schluss wohl doch das dafür notwendige Stück Sicherheit und Vertrauen mit diesem Instrument.

Am Ende war die Begeisterung dennoch gross, verbunden mit der Hoffnung dass das Angebot der iPads für zukünftige Fahrten ausgebaut wird.

Was ich daraus gelernt habe

Was ich immer wieder und vor allem auch in diesem Projekt gelernt habe ist, dass von sich selbst auf andere zu schliessen eine Fehleinschätzung bedeutet, welche niemandem gerecht wird. Schliesslich habe ich ja selbst geglaubt, nur weil ich sowohl in ‚akustischer‘ als auch ‚elektronischer‘ Musik unterwegs bin, nur weil ich selbst sowohl Schlagzeug als auch mit Rechner und iPad spiele, wäre das für alle anderen auch kein Widerspruch. Auch habe ich geglaubt, dass generell elektronische Medien für die Digital Natives selbstverständlich sind. In der Nachbereitung habe ich mich noch einmal intensiv mit der Frage nach der Selbstverständlichkeit und dem Verständnis digitaler Medien auseinander gesetzt und festgestellt, dass auch wenn es die Generation der Digital Natives gibt, zu der ich selbst gehöre, es nicht bedeutet, dass alle, die formal dazu gehören auch tatsächlich den damit verbundenen Zuschreibungen  entsprechen.

Mir scheint es in der Mehrheit viel mehr eine Angst vor elektronischen Medien, vor der digitalen Technik zu geben, welche Generationen übergreifend ist und die sich nicht auf bestimmte Altersgruppen oder Milieus beschränkt. Die modernen Technologien werden, nach meinem Dafürhalten, nur partiell und häufig ohne ein grundsätzliches Verständnis ihrer Funktionsweise benutzt.

Ansgt hat in dem Prozess – vor allem der Ablehnung – sicherlich eine Rolle gespielt und ich denke, dass ich diesen in der Zukunft mehr im Bewusstsein haben muss. Neben der Angst vor digitalen Medien scheint es jedoch noch einen weiteren Punkt gibt, den ich selbst bisher nur unzureichend begreife. Die Jugendlichen haben nicht mit zitternden Händen vor den Geräten gestanden oder sind in Tränen ausgebrochen. Auch die Art und Weise wie ich mit meinem Plan aufgelaufen bin spricht nicht dafür, dass hier einfach die nakte Angst regiert hat.

Letztendlich sind hier wohl einfach meine Vorstellungen darüber was ‚richtige‘ und ‚gute‘ Musik ist, mit den Vorstellungen der Jugendlichen auseinander gegangen. Deshalb war es mir dann auch nicht mehr möglich das iPad als normales Instrument zu vermitteln, weil es in den Augen der Jugendlichen kein ’normales‘ Instrument war. Vielleicht ist die Überbrückung der Vorstellungen und Erwartungen der entscheidende Punkt in der Vermittlung musikalischer Praxen mit dem iPad.

Offen gestanden ist dies eine Erkenntnis, welche mich sehr erstaunt und überrascht hat.

Bisher bedeutet für mich das Musikmachen mit dem iPad vor allem neue Entwicklungen in der Musik anzustoßen und neue, bisher unbekannte Ansätze zu finden. Für mich bedeutete es, auf einem Spielfeld ohne feste Regeln Experimente zu wagen. Inzwischen bedeutet es für mich jedoch viel mehr.

Egal, ob ich mit dem iPad auf der Bühne stehen oder in Workshops musikalische Fertigkeiten vermittle, geht es für mich vornehmlich nicht mehr um die Musik oder das Musizieren als solches, sondern um moderne Technologien und den Umgang, unabhängig von dem konkreten Nutzen der Medien als Instrumente.

Schlussendlich also noch die Frage, welche Ziele habe ich mit diesem Projekt tatsächlich erreich und welche Ergebnisse hat es gegeben, ohne dass sie Teil meiner ursprünglichen Zielsetzung waren.

erreichte Ziele

  • Es ist mit gelungen die Jugendlichen an die Musikproduktion mit iPads heranzuführen. Darüber hinaus habe ich eine Akzeptanz für iPads als Instrumente und pädagogisches Werkzeug im Angebot des Jugendklubs schaffen können.
  • Es hat ein Live Konzert gegeben bei dem in zwei Songs iPads als Instrumente eingesetzt worden sind. Zwar ist dies nicht in dem Umfang und Ausmaß gelungen welche ich geplant hatte, dennoch bleibt festzuhalten, dass dies ein enormer Schritt ist in Anbetracht der Tatsache, dass es grundsätzlich nicht trivial ist, akustische und elektronische Instrumente gemeinsam auf einer Bühne live misikalisch zusammen zu bekomme.

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