tAPPerklärt – Samplr (iOS)

martin | 15. April 2016

Mit Samples spielen wie mit einem Instrument.

Samplr ist ein multifunktionaler Sampler für den Liveeinsatz. Auf der Multitouch-Oberfläche kann man direkt in das Sample „hineingreifen“ und es wie ein Instrument spielen und manipulieren: intuitiv aber mit sehr komplexen Ergebnissen.

Mit der Serie »tAPPerklärt« wollen wir in diesem Blog interessante Musikapps vorstellen und so einen Überblick über die Vielfalt bieten. Einige der Beiträge entstehen im Rahmen des »Zertifikatskurses tAPP – Musik mit Apps in der Kulturellen Bildung«.

Sampling, Sequenzing und Multitouch-Manipulationen für den Liveeinsatz

Samplr ist ein für den Liveeinsatz konzipierter Sampler mit eingebauten Sequenzerfunktionen, der ein sehr intuitives, vielseitiges Musizieren mit Samples ermöglicht und zu unkonventionellen Ergebnissen inspiriert. Bis zu sechs Audiodateien, die als Wellenformen dargestellt werden, können auf dem Screen direkt angefasst und in sieben verschiedenen Spielweisen gespielt, aufgenommen und live manipuliert werden. Die App wurde von einem spanischen Entwicklerteam um den Programmierer Marcos Alonso entwickelt. Sie kann in Apples App-Store für regulär 11,99€ gekauft werden.

Unten sieht man klein die verschiedenen Samples, von denen das gerade „gespielte“ auch groß auf dem Multitouch-Screen dargestellt wird.

Die verschiedenen „Sample-Synthese-Arten“ von Samplr

Das Besondere an Samplr sind die sieben möglichen Spielweisen der Samples auf dem speziellen Multitouch-Interface. Sie finden sich in dieser Kombination in keiner anderen App. Den verschiedenen Klangsynthese-Formen von Synthesizern ähnlich stellen sie verschiedene „Sample-Klangsynthesen“ dar:

1. Slicer

Der Slicer zerschneidet das Sample (z.B. einen rhythmischen Loop) automatisch in eine festzulegende Anzahl gleich langer Teile, die dann entweder in einer neuen Reihenfolge oder auch zufällig arrangiert werden können. Ebenso ist es möglich, das Sample im Originalzustand zu loopen, und zugleich mit den einzelnen Slices durch einfaches Antippen dazu zu improvisieren.

2. Looper

Der Looper erlaubt es, durch Antippen eines beliebig verschiebbaren Start-und Endpunkts Ausschnitte des Samples auszuwählen, die dann geloopt werden. Die Länge der Loops kann in Echtzeit moduliert werden, so dass interessante Stutter-, Grain- und Glitch-Effekte entstehen.

3. Bow

Im Bow-Modus werden kurze Fragmente des Samples geloopt, die ebenfalls durch die Position der Finger auf der Samplewellenform bestimmt werden. Auf diese Weise können interessante Glitch-Effekte erzeugt werden. Es ist aber auch möglich, aus eher rhythmisch strukturiertem Klangmaterial durch die Wahl der Loopausschnitte lange, flächige Klänge zu erzeugen.

4. Tape und Scratch

Der Tape und Scratch Mode simuliert eine Bandmaschine bzw. einen Plattenspieler und erlaubt das vorwärts und rückwärts Spielen der Samples mit stufenlosen Tempo- und Tonhöhenveränderungen sowie das „Scratchen“.

5. Arpeggiator

Wie im Slice-Modus wird das Sample im Arpeggiator-Modus in eine festzulegende Anzahl gleich langer Teile zerschnitten. Tippt man jedoch mehrere davon gleichzeitig an wie einen Akkord auf dem Klavier, so werden sie rhythmisch wiedergegeben wie man es von der Arpeggio-Funktion eines Synthesizers kennt. Auf diese Weise lassen sich z.B. auf interessante Weise Rhythmen live rearrangieren und improvisieren.

6. Keyboard

Der Keybord-Modus entspricht dem klassischen Sampler-Modus, in dem das Sample mittels einer traditionellen Klaviatur auf verschiedenen Tonhöhen gespielt werden kann. Durch die extremen Pitchmöglichkeiten der Samples, die Hüllkurveneinstellungen (ein- und ausblenden der gespielten Noten) und die gut klingende Effektsektion können jedoch auch in diesem Spielmodus sehr verfremdete Klänge entstehen.

7. Loop Player

Der Loop Player spielt das Sample als Loop ab und hat außer der Reverse-Funktion keine weiteren berührungssensitiven Eingriffsmöglichkeiten. Er eignet sich für durchlaufende Loops oder Flächen, die die Performance in bestimmte Teile strukturieren.

Hier könnt Ihr sehen, wo Ihr die Play Modes auf dem Screen findet.

Hier könnt Ihr sehen, wo Ihr die Play Modes auf dem Screen findet.

Live Sequenzing und Sounddesign

Mit Samplr lässt sich prima live jammen und auch ohne jedes Expertenwissen oder mühsame Konfigurationen recht ausgefallenes Sounddesign betreiben. Für alle sieben Spielweisen steht eine Funktion zum Einstellen der Tonhöhe des Samples und zum rückwärts Abspielen zur Verfügung. Außerdem gibt es direkt auf dem Screen Regler für die spezifischen Einstellungen der jeweiligen Spielweise, die auf der linken oberen Bildschirmhälfte angeordnet sind.

Auf der rechten oberen Bildschirmhälfte findet sich ein XY-Pad, mit dem die Effektsektion für jedes Sample gesteuert werden kann (jeweils Verzerrung, Filter, Lautstärkenmodulation, Echo und Hall).

Die Recorder-Funktion in der Mitte des Bildschirms erlaubt es, pro Sample bis zu drei übereinander geschichtete Sequenzen aufzunehmen. Samples im Loop Modus können außerdem ein- und ausgeschaltet werden.

Einen Kurzeinstieg in Samplr findet Ihr hier:

Hier könnt Ihr die verschiedenen Spielweisen und ein paar ihrer Einsatzmöglichkeiten sehen.

Und ein sehr ausführliches Tutorial findet Ihr hier:

Hier wird alles noch einmal von einem ausgewiesenen Musik-App-Experten genauestens erklärt.

Ein intuitives Tool für den Liveeinsatz, das immer wieder überrascht

Samplr inspiriert zu ungewöhnlichen und überraschenden Ergebnissen und kann sowohl im Kontext kontemporärer Clubmusik als auch in experimentellen Kontexten eingesetzt werden. Die App ist explizit für den Liveeinsatz konzipiert. Es gibt keine versteckten Menüs, die aufwendig konfiguriert werden müssen. Dadurch verleitet Samplr zu einem sehr spielerischen und musikalischem Umgang mit Audiomaterial aller Art.

Der einzige Wehmutstropfen ist, dass die übereinander geschichteten Sequenzen eines Samples nicht unabhängig voneinander stumm geschaltet oder gelöscht werden können. Es kann immer nur die jeweils letzte Sequenz gelöscht werden, ansonsten sind eingespielte Sequenzen sind immer hörbar außer das Sample ist ausgeschaltet. Dies ist dem Live-Instrument-Charakter der App geschuldet.

Einsatzmöglichkeiten im Kontext der kulturellen Bildung

Samplr erlaubt es, auch ohne musikalische Kenntnisse musikalische Ergebnisse zu erzielen und auch ohne Kenntnis von Tonstudiotechnik spannendes Sounddesign zu betreiben. Man wird durch die App in keinster Weise auf eine bestimmte Stilistik oder Klanglichkeit festgelegt, so dass Samplr sehr vielseitig einsetzbar ist.

Für kleine Kinder ist die App mit ihren vielfältigen Manipulationsmöglichkeiten sicher zu komplex. In Kontexten mit Jugendlichen oder Erwachsenen ist sie jedoch gleich in mehrfacher Hinsicht spannend. Zum einen wird man durch die unkonventionellen Spielweisen geradezu dazu gezwungen, das musikalische Hören zu verfeinern und es auch auf nichtklassische Klänge auszudehnen (wenn man z.B. mit Umweltatmosphären oder ähnlichem arbeitet). – Alles kann musikalisch zusammenklingen, zu Musik werden, harmonisch oder auch dissonant… Und da die Multitouch-Oberfläche von Samplr sehr sensibel ist, wird dabei zugleich die Aufmerksamkeit für die Feinmotorik geschult.

Ein weiterer didaktischer Aspekt von Samplr ist der mögliche Brückenschlag zur Akustik. Man sieht nicht nur die Wellenform des Samples, sondern es wird auch die aktuelle Wellenform des erzeugten und gehörten Tons direkt auf den Bildschirm projiziert. Jede Manipulation mit den Fingern und jede Reglerveränderung wird sofort sichtbar. Auch die Effekte und ihre Wirkweise werden rechts oben im XY-Pad grafisch visualisiert. Durch diese visuelle Engführung von Musik und Physik wird ein grundlegendes Verständnis für die physikalischen Aspekte von Klang und seinen Modulationen geschaffen.

Und natürlich stellt sich wie bei jedem Sampler auch immer die Frage, welche Klangwelt man sich überhaupt zusammenstellen will. Wie kaum ein anderer Klangerzeuger regt der Sampler immer auch die Auseinandersetzung mit verschiedenen Sonosphären, verschiedenem Klangmaterial, verschiedenen Musikgenres und ihrer jeweiligen Geschichte an. Zeiten, Kontexte und Räume lassen sich spielerisch in Beziehung setzen und miteinander verbinden, sei dies nun in einem Hiphop-Song, der auf dem Sample einer alten Soulband basiert oder auch in einer Theaterproduktion.

Schon in Brechts Konzept des Epischen Theaters werden ganz bewusst Verfremdungseffekte eingesetzt, um das scheinbar Altbekannte in ganz neuem Licht erscheinen zu lassen, dadurch die Reflexion anzuregen und auch den Prozess des Beobachtens selbst zu thematisieren.

Fazit: Samplr – ein „Must Have“ für experimentierfreudige Entdecker mit Spass am spielerischen Vorgehen.

 

Links:

https://itunes.apple.com/de/app/samplr-touch-the-music/id560756420?mt=8

http://samplr.net

https://www.facebook.com/SamplrApp

Martin Donner ist studierter Medien- und Kulturwissenschaftler, der seit vielen Jahren als Theaterkomponist und Musikproduzent tätig ist. Parallel zu seinen freien Tätigkeiten arbeitete er auch immer wieder mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der offenen Jugendarbeit, gab Workshops etc. Seit knapp drei Jahren betreut er zweimal wöchentlich das Tonstudio eines Stuttgarter Jugendhauses.


Eine Antwort zu “tAPPerklärt – Samplr (iOS)”

  1. kernspecht sagt:

    Spannender Bericht, vielen Dank !

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.