Instrumentalschüler mit Apps im Gottesdienst

chrisM | 3. Juli 2016

In unserer Kirchengemeinde werden aktuell Kinder von 9 bis 16 Jahren in den Instrumentalfächern Gitarre und Blechbläser unterrichtet. Leider gibt es für die Gruppen kaum Berührungspunkte – die Blechbläser_innen übertönen die zarten Gitarrenklänge, außerdem bevorzugen sie die B-Tonarten, während sich die angehenden Gitarrist_innen bei den Kreuztonarten wohler fühlen…

Während der Teilnahme an der Zertifikatsfortbildung tAPP – Musik mit Apps in der Kulturellen Bildung entstand die Idee, die Kinder gemeinsam alters- und fächerübergreifend mit Apps musizieren zu lassen. Die Hälfte aller Instrumentalschüler_innen beteiligte sich am Projekt.

Teilnehmer-Tabelle

Zahlen = Alter; ein Teilnehmer ist sowohl Bläser als auch Gitarrenspieler

 

Ziele

Neben diesem integrativen Ziel sollten die Kinder grundlegende Möglichkeiten von Musikapps kennenlernen, selbst ausprobieren und kreativ einsetzen. Nach drei wöchentlich stattfindenden Probenterminen von je 1,5 Stunden sollten mehrere Beiträge für einen Gemeindegottesdienst mit einer Taufe entstehen.

Im Einzelnen haben wir uns drei Ziele gesetzt:

  1. den bekannten Song „Danke für diesen guten Morgen“ „covern“
  2. einen Song entwickeln zum Taufevangelium und musizieren
  3. eine freie Improvisation zum Psalm 139 („… von allen Seiten umgibst du mich…“)

Außerdem wollte ich die Arbeit mit den Apps auch nutzen, um musiktheoretische Inhalte mit den Schüler_innen zu wiederholen bzw. neu zu vermitteln – auch hier konnten die verschiedenen „Fächer“ voneinander profitieren (näheres bei den einzelnen Stücken).

 

Es geht los

Meine Grundidee war, die Kinder mit ihrer vorhandenen Technik – Handy, Tablet – arbeiten zu lassen. Ist es im Alltag oft eher ein isoliert benutzter Gegenstand, sollte es hier zur besonderen, musikalischen Interaktion benutzt werden. Zu meinem großen Erstaunen stellte sich heraus, dass keiner der vier Teilnehmer_innen ein eigenes Handy besitzt; der älteste brachte sein iPad mini mit.

Damit standen uns ingesamt nur maximal drei Geräte zur Verfügung, da ich selbst ein iPad 2 und einen iPod touch besitze – beide allerdings mit älterem Betriebssystem, so dass nur ausgewählte (ältere) Apps benutzbar waren. Kurze Zeit benutzten wir auch mein Android-Handy, was aber aufgrund des Betriebssystems eher weniger geeignet ist (siehe: Latenzprobleme).

Finanzierbar waren lediglich einige Adapterkabel für die kleinen Klinkenbuchsen der Geräte; Mikrofon, Mischpult und Klinkenkabel sind vorhanden.

Die Schüler setzen sich mit den einzelnen Apps auseinander

Die Schüler_innen setzen sich mit den einzelnen Apps auseinander (1)

 

Am Anfang sprachen wir darüber, wie eine Band bzw. ein Bandsong in der Regel aufgebaut ist. Wir einigten uns auf: Melodie(instrument) – Akkorde (Begleitung) – Bass – Rhythmus (Schlagzeug). Ich erklärte, dass für all diese Songbestandteile Apps sehr gut verwendet werden können, die wir im Einzelnen kennenlernen würden. Später wurde teilweise die Melodie nur vom Gesang übernommen, dafür konnte ein Teilnehmer sich der Improvisation widmen.

Zu den drei Songs im Einzelnen:

 

1. „Danke“

Das Lied „Danke für diesen guten Morgen“ war den Kindern bereits gut bekannt. Die Gitarrenschüler_innen erklärten den Bläsern, wieso in diesem Lied die Akkorde G-em-am-D vorkommen (Stufentheorie). Auf zwei Geräten war bereits die kostenlose App „SoundPrism“ (siehe „tAPP erklärt“) installiert, so dass jeweils zwei Kinder versuchen konnten, die Akkordfolge zu spielen, während die anderen das Lied sangen. Die grafische Anordnung in diesem Programm ermöglichte auch sehr gut eine Vertiefung der Stufentheorie (das Programm verwendet die internationale Schreibweise „b“, wo die deutsche „h“ benutzt – Erklärung für die Schüler_innen ggf. nötig!).

Screenshot App SoundPrism

Screenshot App SoundPrism

Dann probierten wir gemeinsam die Apps „TriqTraq“ (siehe Workshop) als Drum-Section sowie die Bass-Gitarre der Android-App „WalkBand“ aus, wobei ich von TriqTraq nur die Grundfunktionen erklärte. Es dauerte einige Zeit, bis jeder seinen Part gewählt hatte.

Am Ende des Projektes wechselte die „Bass-Gitarristin“ jedoch lieber auf die verstärkte Westerngitarre, anstatt die App zu verwenden, da sie mit dem Handling sehr unzufrieden war und es immer wieder zu Verzögerungen kam (Android, s.o.). Ebenso ergab sich, dass einer der Bläser die Melodie lieber auf der Posaune spielen möchte, da ihm das deutlich leichter fiel als auf den ausprobierten Apps (ThumbJam, GarageBand). Für das Erarbeiten der Drum-Tracks (Intro, zwei verschiedene Strophenformen, Outro) war eine zusätzliche Einzelstunde mit dem Betreffenden nötig.

2. „Gehet hin in alle Welt“

Für den selbst zu erarbeitenden Song zum Tauf-Evangelium gab ich als Skala die (Moll-)Pentatonik vor, um das leichtere Spielen der Melodie/Improvisation zu ermöglichen. Dafür erarbeiteten wir zunächst die musiktheoretischen Grundlagen.

Pentatonik

Für den – von der Gemeinde zu singenden – Refrain „Gehet hin in alle Welt“ entstand ein einfaches siebentöniges Motiv, das viermal wiederholt und mit den Akkorden em und C begleitet wurde. Für die Entwicklung war die App „ThumbJam“ sehr hilfreich (siehe „tAPP erklärt“), da dort die Skala entsprechend eingestellt werden kann und damit nur mit „richtigen“ (= zur Skala gehörenden)  Tönen experimentiert werden konnte.

Für die Strophe wurde noch die Grundmelodie komponiert; die Textverteilung erwies sich aber als schwierig (und damit die genaue rhythmische Gestaltung), zumal die Zeit knapp wurde. Deshalb stellte ich Strophen nach dem originalen Bibeltext (Luther 1984) zwischen den Proben zusammen und sang sie schließlich auch selbst, nachdem es sich der älteste Teilnehmer nach ersten Versuchen am Mikrofon dann doch nicht zutraute. Die Teilnehmer_innen bekamen ein Leadsheet zur Verfügung, anhand dessen wir zügig arbeiten konnten.

Die ursprüngliche Idee, die Melodie auf „ThumbJam“ zu spielen, wurde im Prozess verworfen. Das einfache Refrain-Motiv wurde schließlich auf dem Tenorhorn gespielt und war damit auch klarer herauszuhören (Führung des Gemeindegesangs!). „ThumbJam“ (Sound: E-Gitarre) bot sich dagegen hervorragend für die Improvisation an. Hier wurde das Potential des skalengebundenen Musizierens voll ausgeschöpft und entsprach auch den Interessen und Fähigkeiten des ältesten Teilnehmers am besten. Die jüngste Teilnehmerin beschäftigte sich mit den „Smart Drums“ der altbekannten App „GarageBand“ und entwickelte ein Setting, das sie für Refrain und Strophe jeweils leicht veränderte (siehe Teilnehmer_innen-Bild).

Ursprünglich wollten wir die „fetten“ Rockgitarrenakkorde der gleichen App verwenden, da aber die Verbindung mit JamSession nicht zuverlässig gelang und der Sound insgesamt zu „matschig“ wurde, wurde die gleiche – bereits geübte – Abfolge schließlich ohne eine Automatisierung („AutoPlay“) nur auf den „Basssaiten“ gespielt.

Dafür spielte ich zum Gesang selbst Rhythmusgitarre, auch um die Gruppe leichter zusammenzuhalten, als das in der kurzen Zeit lediglich durch die Drum-App möglich gewesen wäre.

 

3. Psalm-Mediation

Für die freie Improvisation zum Text des 139. Psalms (ausgewählte Verse) war  kaum noch Zeit übrig. Ohnehin waren die jüngeren Teilnehmer_innen inhaltlich überfordert – es wäre nötig gewesen, sich längere Zeit nur mit dem Text bzw. überhaupt mit der Gattung „Psalm“ zu beschäftigen.

So blieb es dabei, gemeinsam kurz die kostenlose App „TC-Performer“ (siehe App-Store) anzusehen und die Möglichkeit dieses speziellen Touch-Instruments auszuprobieren.

Screenshot TC-Performer während des Spiels

Screenshot TC-Performer während des Spiels

Der 16jährige war bereits mit dem Text vertraut und konnte sich auf dem eigenen iPad zu Hause ausgiebig mit der App beschäftigen und sich Gestaltungselemente zu den einzelnen Sprachbildern des Psalms („nähme ich Flügel der Morgenröte“ – „spräche ich: Finsternis möge mich decken“ etc.) überlegen. Dazu wurde der Text lediglich ruhig und mit Unterbrechungen, die Raum für die Gestaltung ließ, gelesen.

Dieser Beitrag kam bei den Zuhörer_innen besonders gut an – der bekannte Text wurde so neu erfahrbar. Außerdem empfanden Projektteilnehmer_innen wie Zuhörer_innen (die die App kurz vorgeführt bekamen) dies als originäres „Touch-Instrument“ anders als die „nachgemachten Echtinstrumente“ als etwas wirklich Eigenständiges, Neues.

 

Die Aufführung

Dann kam endlich der Tag der Aufführung. Die Gottesdienstbesucher_innen wunderten sich über die ungewohnte Kabel-Landschaft und waren gespannt – die Projektteilnehmer_innen waren aufgeregt und probten am Morgen noch einmal alle Stücke.

Außer den „App-Stücken“ hatten sich die Schüler_innen gewünscht, auch auf ihren gewohnten Instrumenten Stücke vorspielen zu können – so spielten zwei Schüler_innen mit mir zusammen eins ihrer Gitarrenstücke, und die drei Bläser musizierten zwei Stücke gemeinsam.

Den Zuhörer_innen erzählten wir von den vergangenen Wochen, stellten kurz vor, was mit den Apps geschieht. Leider gab es einige Pannen – der Mix war auf einmal unausgeglichen, das iPad 2 stieg völlig aus, funktionierte nach kompletten Neustart des Geräts für einen Song wieder … insgesamt waren die Schüler eher erleichtert, wenn sie auf vertrautes Terrain zurückkehren konnten, wo keine „technischen Tretminen“ lauern.

Gruppe von oben_kleiner

Probleme und Pannen

  • nicht erwartungsgemäße Ausstattung mit eigenen Geräten (s.o.)
  • dadurch Üben zu Hause für die meisten nicht möglich – ich entschloss mich nach der zweiten Probe, wenigsten den iPod mit nach Hause zu geben, da sonst SoundPrism/Bassgitarre nicht ausreichend beherrscht worden wären
  • das Komponieren von eigenen Melodien/Songs dauert sehr lange, allein mit der Erarbeitung dieses einen Songs hätten wir die gesamte Probenzeit füllen können, was aber für den technischen und Organisations-Aufwand im Aufführungs-Gottesdienst etwas wenig gewesen wäre
  • große Schwierigkeiten, für die Schüler_innen von unterschiedlichen Schulen/Orten/Altersgruppen eine gemeinsame Probenzeit zu finden
  • am iPad 2 funktionierte der Kopfhörerausgang während des Gottesdienstes plötzlich nicht mehr
  • die neuen Klinken-Adapter funktionierten teils sehr unzuverlässig
  • in GarageBand klappte mitunter urplötzlich Werbung auf (beim Üben in WLAN-Umgebung)
  • Zusammenarbeit zwischen iOS-Geräten verschiedener Generationen („JamSession“ in GarageBand) funktionierte nicht zuverlässig
  • Zusammenstellen der Pattern mit TriqTraq erforderte eine Einzelprobe, da zu zeitaufwendig im Probenplan
  • die von zwei Schülern selbständig erarbeitete „Zugabe“ mit der App „Launchpad“ konnte nicht stattfinden, da die App beim Anschluss mit Klinkenkabel nicht mehr die sonst hörbaren Sounds, sondern nur noch „seltsame Geräusche“ von sich gab und die Ursache nicht gefunden werden konnte
  • sowohl das Gerät zur Audio-Aufnahme (H4Zoom) als auch die „Kamerafrau“ befanden sich während der Aufführung zwischen der Gruppe und den Lautsprecherboxen – damit sind zwar die Natur-Instrumente gut, die Apps aber fast gar nicht zu hören auf den Aufnahmen

Fazit

Das Arbeiten mit den neuen Möglichkeiten der Apps hat den Schüler_innen viel Spaß gemacht. Sie konnten ein gemeinsames „Band-Erlebnis“ herstellen, was sonst nicht möglich gewesen wäre.

Die Schüler _innen haben sich besser kennengelernt, die Wertschätzung für „die anderen“ ist gewachsen. Musiktheoretische Inhalte ließen sich anschaulich vermitteln/wiederholen – hier werde ich sicher auch in späteren Unterrichtsstunden wieder auf die Apps (insbesondere SoundPrism und ThumbJam) zurückgreifen.

Band-Strukturen wurden begreifbar, mehrere Schüler_innen äußerten, dass sie sich vorstellen könnten, später in einer Band mitzuspielen. Das „Tauflied“ wird sicher weiter Bestandteil unseres gemeindlichen Liedrepertoires bleiben, da es gut angenommen wurde.

Die frustrierenden Erlebnisse mit der Zuverlässigkeit der Technik sowie die teilweise schwierige Bedienung (schwerer als eigenes Instrument für ähnliches Ergebnis) ließ sie aber auch gern wieder zu ihrem „herkömmlichen“ Instrument greifen.

Ebenso hatten die Zuhörer_innen Freude an den neu gestalteten Liedern und sangen kräftig mit – erlebten aber auch die Anfälligkeit der Technik, die Verzögerungen durch mehrmalige Versuche, und äußerten sich deshalb auch kritisch.

Zunächst ist geplant, Apps auch weiterhin in den einzelnen Instrumentalgruppen hier und da als Ergänzung einzusetzen. Es erscheint aber sinnvoll, Stücke, die so gestaltet werden sollen, vor Aufführung genau wie alle anderen  auch längere Zeit zu üben und zu erproben, damit eine größere Sicherheit im Umgang besteht, bevor man sich vor Publikum wagt.

 

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Anmerkung:

(1)  Es besteht nur die Einwilligung, die Kinder so abzubilden, dass sie nicht eindeutig identifiziert werden können und keine Einwilligung für Videodarstellung.


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