„RIP Arts“? – Musikapps in der offenen Jugendarbeit

martin | 19. Juli 2016

„Das Musikmachen hat Spaß gemacht, gibt es das nächstes Mal wieder?“, so eine Bemerkung zu meinem iPad-Musik-Workshop in meinem Angebot der offenen Jugendarbeit mit einer Gruppe von Zehn- bis Zwölfjährigen, die regelmäßig zur Nachmittagsbetreuung in die Kreativ-AG des Stuttgarter Jugendhauses kommt. Auch die zweite Gruppe älterer Jugendlicher und junger Erwachsener stellte fest: „Es macht richtig Spaß mit dem Pad Musik zu machen“. 

Zwei Schüler der KreativAG mit mir

Zwei Schüler der KreativAG und ich

Das folgende Ergebnis aus dem hier beschriebenen Appmusik-Projekt gibt in seinen Qualitäten einen guten Eindruck von der intensiven Auseinandersetzung mit den kreativen Möglichkeiten dieser mobilen Technologie. (Weitere Songs weiter unten)

Ursprünglich geplant war ein Hiphop-Producer-Workshop für Jugendliche und junge Erwachsene (16+, oft mit Migrationshintergrund), die regelmäßig das Tonstudio des Jugendhauses besuchen und dort in der Regel auf fertige Instrumentals rappen, die sie vorher aus dem Internet geladen haben. Mit sieben Interessenten aus dieser Gruppe, mit der ich schon länger arbeite, wurden drei Mittwochstermine zwischen dem 22.6. und dem 6.7.2016 vereinbart, die je nach Ausdauer der Teilnehmer zwei bis drei Stunden lang sein sollten. Dankenswerterweise übernahm das Jugendhaus die Kosten für das Ausleihen der iPads bei einem evangelischen Medienverleih und stellte auch die Räumlichkeiten zur Verfügung.

Ziel und Konzept des Workshops

Ziel des Workshops war, die Interessenten, die in der Regel über keine klassischen musikalischen Kenntnisse verfügen, aber dennoch begeistert rappen und auch sehr technikaffin sind, zu ermutigen ihre eigenen Instrumentals zu erstellen und vielleicht sogar gleich etwas einzurappen, so dass idealerweise der ganze Produktionsablauf einmal aktiv durchlaufen wird. Trotz der großen Bedeutung von Musik im Leben der Betreffenden existiert oft eine gewisse Scheu, sich als nichtgelernter Musiker oder „Unwissender“ der instrumentalen Ebene zu nähern. Die Pads mit ihren intuitiven Bedienoberflächen und Apps, die nicht zwingend musiktheoretisches Wissen voraussetzen, bieten sich in diesem Fall an, durch spielerisches und voraussetzungsloses Ausprobieren Können die intensivere Auseinandersetzung mit dem Musizieren anzuregen und vielleicht ein weitergehendes Interesse zu fördern.

Geplant war also, bei allen Terminen möglichst viel Zeit fürs Ausprobieren und Selbst-Machen zu lassen und klassische Unterrichtsformen auf jeden Fall zu vermeiden (was auch der Situation im Jugendhaus entspricht). Basis des Lernprozesses sollte explizit das Eigeninteresse der Teilnehmer sein, am Ende ein cooles, selbst entwickeltes Stück zu haben, das man seinen Freunden präsentieren und vielleicht sogar in sozialen Netzwerken veröffentlichen kann. Die Sensibilität für die Möglichkeiten verschiedener Klänge, für ihr Zusammenspiel, ihre Aufgabenverteilung und ihr Arrangement sollte möglichst ausgiebig ganz nach eigenem ästhetischen Empfinden erschlossen werden. Musikalische Fragestellungen und Problemlösungen, so das Kalkül, entstehen in einem solchen Setting aus dem Eigeninteresse der Teilnehmer von selbst und können gleich aktiv umgesetzt und mit den eigenen musikalischen Präferenzen verbunden werden. Das gibt dem Lernprozess eine persönliche Bedeutung und erhöht die Motivation, das ästhetische Empfinden zu reflektieren und an den eigenen Ausdrucksmöglichkeiten zu arbeiten.

Zwischen den Arbeitsphasen tauschen sich die Älteren immer wieder aus.

Zwischen den Arbeitsphasen tauschen sich die Älteren immer wieder aus.

Planung und Vorbereitung

Zu Beginn sollte es eine kurze Einführung in eine App geben, in der mehrspurig Klänge arrangiert werden können (max. 15min). Die Möglichkeit, weitere Musikapps einzubinden, sollte erwähnt aber noch nicht im Detail erklärt werden. Alle spezielleren Funktionen werden bei Bedarf nachgefragt oder selbst erschlossen. Auch musikalische Beratung von mir als Workshop-Leiter erfolgt nur auf Nachfrage. Vorgabe ist lediglich, den Fokus beim zweiten Treffen langsam auf die Ebene des Arrangements zu lenken, so dass die Schnelleren beim dritten Treffen gleich einen eigenen Text aufzunehmen können.

Da die ersten Interessenten von sich aus den im Hiphop legendären Akai MPC Sampler ins Gespräch brachten, stand die App, in der hauptsächlich gearbeitet werden sollte, schnell fest: iMPC Pro. Wie das Hardware-Original besitzt auch die Software keine Klaviatur, sondern 4 mal 16 Pads, auf denen Klänge individuell angeordnet und gespielt werden können. Jeder Klang kann zudem in chromatischen Schritten auf die Pads verteilt werden, so dass auch Melodien einspielbar sind. Es stehen Einspielhilfen (Quantisierung usw.) sowie Klangmanipulationsmöglichkeiten und ein Mischpult zur Verfügung.

Bedienoberfläche von iMPC Pro

Bedienoberfläche von iMPC Pro

Im Vorfeld bereitete ich einige Soundkits vor, die der Klanglichkeit verschiedener Hiphop-Genres entsprechen, damit die Teilnehmer gleich losgelegen können. Außerdem bestückte ich die App mit einer umfangreichen und breit gefächerten Klangbibliothek für den Fall, dass einige Teilnehmer experimenteller veranlagt sind und ihre eigenen Klangräume entwickeln wollen. Um nicht auf Samples begrenzt zu sein und auch das Einspielen von Instrumenten und verfremdete Stimmaufnahmen zu ermöglichen, wurden außerdem installiert:

Patterning, LoopyHD, iGrand Piano, iLectric Piano, Galileo, Geo Synth, Pearl Guitar, SampleWiz, ThumbJam, iMini, Magellan, Sunrizer, iM1, MorphWiz, Borderlands, Turnado, VoiceSynth, Mobile Conv, RP-1, Audioshare, AudioCopy, Audiobus, AUM.

Doch dann kam alles anders…

Derart präpariert und für alle möglichen Situationen gewappnet wollte ich den Workshop antreten. So zumindest der Plan.

In der offenen Jugendarbeit kann man sich jedoch nicht immer auf Zusagen der Teilnehmer verlassen, z.B. wenn Freibadwetter ist oder auch Ramadan. Kurz: trotz des rege bekundeten Interesses sagten fast alle Teilnehmer sehr kurzfristig ab und wollten lieber einen anderen Termin wahrnehmen. Ich hatte also Räumlichkeiten und iPads, musste aber spontan umdisponieren.

Da es die Möglichkeit gab, kam die Idee auf, drei Termine der Kreativ-AG zu gestalten. Auch der geplante Abendworkshop für die Älteren sollte probeweise stattfinden, aber nicht wie vorgesehen auf eine spezielle Teilnehmergruppe beschränkt sein. Zwar war es auch ein Ziel des Workshops gewesen, den Austausch zwischen veschiedenen Rap-Formationen zu fördern, doch das kann schließlich auch mit anderen Musikstilen funktionieren, wenn es denn zustande kommt (was aufgrund der jugendkulturellen Distinktion nicht unbedingt die Regel ist).

offene Jugendarbeit – ein Experiment

Zeit für die Entwicklung eines komplett neuen Konzepts hatte ich nicht mehr und so entschied ich mich für das Experiment, beide Angebote wie ursprünglich geplant durchzuführen und dann situativ auf die Wünsche und Anliegen der Teilnehmer einzugehen. Die Vorstellung eines kontinuierlichen gemeinsamen Erarbeitens bestimmter Abschnitte stellte sich sowieso schnell als Illusion heraus, da nur etwa die Hälfte oder zwei Drittel der Teilnehmer immer anwesend war.

Zwei Mädchen aus der Kreativ-AG, die ein Tanzvideo zu ihrer Musik einstudieren wollten.

Zwei Mädchen aus der Kreativ-AG, die ein Tanzvideo zu ihrer Musik einstudieren wollten.

Um das Angebot zumindest ein wenig an die Altersgruppe der KreativAG anzupassen, suchte ich das Gespräch mit dem zuständigen Jugendhausbetreuer und fragte nach den Vorlieben und Interessen der Kinder. Er legte mir nahe, die Musik mit dem Erstellen eines Videos zu verbinden, um alle Kinder bei ihren Interesseschwerpunkten abzuholen. So installierte ich zusätzlich:

Veescope Live, Vidibox und iMovie sowie Blocs Wave und Launchpad für diejenigen, die zwar Lust auf Musik haben aber mit iMPC Pro vielleicht überfordert sind.

Beide Workshops kamen zustande. Die KreativAG und der Abendworkshop „Beatwerkstatt“ wurden von jeweils sechs Teilnehmer_Innen besucht und es entstanden sehr hörens- und sehenswerte Ergebnisse. Einige der Älteren hatten wie sich herausstellte schon etwas Erfahrung mit Musiksoftware und es kam auch ein Keyboarder hinzu, der sich ebenfalls mit großem Interesse auf das Pad einließ.

Zum konkreten Ablauf: verschienene Zugänge und Arbeitsweisen

Soweit es sich beurteilen lässt ging das ursprüngliche Konzept trotz der veränderten Rahmenbedingungen recht gut auf. Unabhängig vom jeweiligen Kenntnisstand konnten selbständig Songlayouts entwickelt werden, auf die beim dritten Termin teilweise gleich gesungen oder gerappt wurde. Besonders spannend war es zu sehen, wie sehr sich die Zugänge und Arbeitsweisen unterschieden, wie die Teilnehmer sich dennoch gegenseitig halfen, Tipps gaben und immer wieder ihre Zwischenergebnisse vorspielten. Während sich einige eher auf die Sampleauswahl und das Sounddesign ihrer Loops konzentrierten, wählten andere einen „herkömmlicheren“ Zugang und spielten Licks aus anderen Musikapps in iMPC Pro ein.

Die Motivation der Teilnehmer und ihre Einschätzung der Pads

Die Raptexte und der Gesang wurden auf Basis der erarbeiteten Instrumentals zwischen den Terminen zu Hause entwickelt. Das Layout von „What I´ve been through“ wurde vom Keyboarder für die Gesangsaufnahme zu Hause noch einmal auf einer echten Klaviatur eingespielt (in Garageband).

In den immer wieder stattfindenden informellen Gesprächen zwischen den Arbeitsphasen lobten alle die schnelle, intuitive Bedienbarkeit der Pads, ihren Spaßfaktor und ihre Flexibilität und waren am Ende davon überzeugt, dass man damit ernsthaft Musik machen kann. Wenn es ums Einspielen ging kam jedoch auch immer wieder die Frage nach einem „echten, haptischeren“ Interface auf. Midikeyboards standen leider nicht zur Verfügung.

Auch die Jüngeren in der Kreativ-AG waren motiviert und hätten den Workshop gerne verlängert. Da nur ein Schüler von Beginn an kontinuierlich anwesend war, kam jedoch nur ein Video zustande, bei dem sich dann aber alle (inklusive einiges Jugendhauspersonal) beteiligten. Auch die anderen Kinder entwickelten alleine oder in Zweiergruppen kleine Loops (meist in iMPC Pro oder Patterning), jammten in Launchpad kleine Livearrangements oder spielten mit anderen Musikapps. Als guter Ausgangspunkt fürs selbständige Arbeiten erwies sich in dieser Gruppe ein vorprogrammierter Clap-/Snaresound auf den Zählzeiten 2 und 4, der die Funktion des Metronoms übernahm. Den Rest entwickelten die Kinder alleine. Intensivere Hilfe gab es beim visuellen und musikalischen Arrangieren des Musikvideos, was auch der knappen Zeit geschuldet war.

Reflexion zur Methodik

In der KreativAG entstanden durchaus einige unübersichtliche Situationen, in denen ich mich nicht aller Fragen gleichzeitig annehmen konnte. Die Kinder wussten damit jedoch ganz gut umzugehen und blieben trotzdem beim Thema Musik mit Apps. Mit etwas mehr Vorbereitungszeit, einer konkreteren Aufgabenstellung und einem detaillierteren Arbeitsplan hätte man sicher versuchen können, die Konzentration in dieser Gruppe mehr zu bündeln. Im Jugendhaus ist dies jedoch wie gesagt zwiespältig, da das immer auch diejenigen „ausschließen“ oder frustrieren kann, die nicht jedes Mal anwesend sind.

Die musikalischen Ergebnisse

Die Ergebnisse der Teilnehmer können sich auf jeden Fall hören lassen! Hier eine Soundcloud-Playlist zu den Layouts:

An vielen der Songs soll nach dem Workshop noch weitergearbeitet werden. Weitere Rapaufnahmen und Features sowie ein Video sollen folgen. Das Musikvideo der Kreativ-AG wird mit Einverständnis der Schüler demnächst auf dem Sommerfest der Schule gezeigt:

Einschätzung von Nachhaltigkeit und Erlerntem

Die Teilnehmer der Beatwerkstatt blieben teilweise länger als vier Stunden und da einige Songs sehr gut geworden sind, ist es durchaus möglich, dass sie auf der nächsten Sampler-CD des Jugendhauses veröffentlicht und spätestens auf der Release-Party auch live aufgeführt werden.

Vom Planungsaspekt her war es interessant zu sehen, dass tatsächlich alle installierten Apps im Laufe des Workshops vom einen oder anderen auch ausprobiert wurden. Den Älteren wurde zudem klar, dass bei der Produktion von Musik immer musikalische, physikalisch-physiologische und medientechnische Aspekte ineinander greifen. So stellten sich nicht nur Fragen nach der Instrumentierung und dem Arrangement sondern auch nach Kompression, Effektbearbeitung, Frequenzspektrum, der „Obertonverschiebung“ beim Pitchen von Samples, der Fileverwaltung auf dem Pad usw.

Fazit & Ausblick

Wir alle haben viel gelernt. In der offenen Jugendhaussituation waren die Pads für mich von großem Vorteil, da ich trotz der planerischen Kurzfristigkeit sehr flexibel auf die Wünsche und Vorstellungen der Teilnehmer eingehen konnte. In früheren Workshops in eher klassischen Tonstudiosettings mit nur einem Computer war dies nie in der Art möglich gewesen. Die Stimmaufnahmen fanden zwar auch diesmal am Computer statt, doch das war letztlich nur der knappen Zeit geschuldet, die mich dazu bewog, auf das verkabelte Tonstudiosetting mit besserem Audiointerface zurückzugreifen. Im Sinne der verfolgten „Selbstermächtigungsstrategie“ wäre es sicher gut gewesen, auch die Stimme direkt in die Pads aufzunehmen, um den Teilnehmern die entsprechenden Möglichkeiten vorzustellen (Anschluss eines Audio-Interfaces, geeignete Recording-Apps etc.). Dies ist jedenfalls eines der Vorhaben für weitere Workshops, in denen vielleicht ein wenig mehr Zeit zur Verfügung steht.

Martin Donner ist studierter Medien- und Kulturwissenschaftler, der seit vielen Jahren als Theaterkomponist und Musikproduzent tätig ist. Parallel zu seinen freien Tätigkeiten arbeitete er auch immer wieder mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der offenen Jugendarbeit, gab Workshops etc. Seit knapp drei Jahren betreut er zweimal wöchentlich das Tonstudio eines Stuttgarter Jugendhauses.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.