Gute Bibliotheken sind für Überraschungen gut! Musikworkshops mit Apps für Erwachsene.

Jürgen Grohs | 26. Dezember 2017

Ihre schönste Aufgabe besteht darin, Orte zu sein, wo Nutzer etwas finden, was sie nicht gesucht haben. Gute Bibliotheken sind für Überraschungen gut!“ – so zu hören und zu lesen in einem aktuellen Beitrag des Deutschlandfunk zur Funktion von Bibliotheken. Und dieses Statement trifft auch zu auf die ZLB, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, die Deutschlands größte Musikbibliothek beherbergt. In ihren Räumen der AGB finden seit geraumer Zeit verschiedene Workshops im Bereich digitaler Medien statt. Darunter ein Workshopangebot zum Thema „Musik & Apps“, das in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Appmusik entwickelt wurde und sich speziell an erwachsene Bibliotheksnutzer_innen richtet. In diesem Beitrag will ich den Worshop „Musikproduktion und Musizieren mit Apps“ vorstellen, wie ich ihn Angfang Dezember 2017 realisiert habe.

Im Rahmen dieser Angebotsreihe „Bibliothek digital – Musizieren mit Apps in der Musikbibliothek“ leitete ich zweimal einen 90minütigen Workshop mit dem programmatischen Titel „Musikproduktion und Musizieren mit Apps“, der im Veranstaltungskalender der ZLB und mit Handzetteln beworben wurde. Zum Workshop erschienen sind jeweils 7 Erwachsene (und ein Sohn), von denen einige auch ein klassisches Musikinstrument spielten andere interessiert waren, das Musizieren einmal zu erproben.

Hier findet ihr das Handout mit einer Liste an empfohlenen Apps.

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Zum Anzeigen der pdf auf das Bild klicken.

TiPP: Übrigens findet ihr weiteres Workshopmaterial aus unserer Angebotsreihe zum Thema „Notenapps – Noten besser nutzen mit Musikapps“ von Jonathan Kühnl in einem eigenen Beitrag hier…

 

Musizieren mit Apps in der Musikbibliothek

Im Ablauf des Workshops waren drei Phasen mit unterschiedlichen Schwerpunkten vorgesehen:

  • 1. Phase: Experimentieren und improvisieren in 2er Gruppen mit der App „Playground“, wobei ein erstes improvisatorisch-kompositorisches Ergebnis von ca. einer Minute Dauer erzielt werden sollte. Auch das gegenseitige Kennenlernen der Teilnehmenden war uns in der Konzeption wichtig.
  • 2. Phase: Gemeinsames Musizieren mit verschiedenen Apps, die die grundlegenden Rollen – gewissermaßen in einer Band – widerspiegeln. Zur Auswahl standen Rhythmus, Chords, Bass und Melodie.
  • 3. Phase: Ein Einblick in die Funktionsweisen und Anwendungsmöglichkeiten verschiedener Musikproduktionsapps, mit deren Verwendung man alle grundlegenden Parameter der (elektronischen) Musikproduktion quasi im Alleingang ausfüllen kann; darüber hinaus folgte noch die Präsentation einiger nützlicher Hilfsapps wie Audioshare und Audiobus 3.

Jede dieser drei Phasen dauerte jeweils etwa 20 bis 40 Minuten. An den beiden Terminen entwickelten sich dabei abhängig von den Teilnehmenden unterschiedliche Schwerpunkte auf eine der Phasen.

 

Ein musikalischer „Spielplatz“ zum Kennenlernen

In der ersten Phase bildeten die Teilnehmenden Zweiergruppen und erkundeten verschiedene „Tische“ (Spieloberflächen) der kostenlosen App PlayGround (ein Überblick zu App PlayGround findet sich hier…). Zur Auswahl stellte ich die fünf Tische, bei denen die Spieler_innen – miteinander über einen Netzwerkrouter verbunden – auf zwei iPads interagieren können. Nachdem sie sich für einen Tisch entschieden und die Möglichkeiten ergründet hatten, erdachten sich die Workshopper einen Ablauf für ihr Musikstück. In einer kurzen Übungsphase wurde dieser Ablauf dann weiter ausgebaut und nach und nach gefestigt. Schließlich wurde der Song aufgeführt und dieses „Konzert“ wurde mit meiner Handykamera aufgenommen. Hier könnt ihr die sehr unterschiedlichen Musikstücke bewundern:

Ich finde die Stücke klingen klar strukturiert, eingängig und wunderbar abwechslungsreich. Die Workshopteilnehmenden waren echt konzentriert bei der Sache. Wer die App PlayGround (kostenlos, leider nur für Apple-Geräte) mal ausprobiert, merkt, dass das Musizieren mit der App seine ganz eigenen Herausforderungen für die Koordination der einzelnen Parts und zwischen den Mitspielenden bereithält. Es macht aber richtig Spaß zu jammen…

 

Forming a Band

Nachdem wir die Ergebnisse gemeinschaftlich per Video begutachtet und diskutiert hatten, widmeten wir uns der nächsten Workshop-Aufgabe: gemeinsames Musizieren mit verschiedenen Apps. Zunächst präsentierte ich den Workshopteilnehmenden die von mir zu diesem Zweck ausgesuchten Apps, die die verschiedenen Bereiche des gemeinsamen Musizierens abdecken sollten:

  • um Drumgrooves zu generieren und sie „on the fly“ variieren und kombinieren zu können, sollte die App „SNAP – Reactable Drum Machine“ verwendet werden
  • zur einfachen Wiedergabe gefälliger Harmoniefolgen wurde die App „SoundPrism – Link Edition“ verwendet
  • Melodien wurden mit der App „Thumbjam“ gespielt
  • zur Umsetzung einer Bassline schließlich bot ich mehrere Optionen: sowohl SoundPrism als auch Thumbjam bieten entsprechende Möglichkeiten. Wer aber die Darstellung eines Saiteninstruments bevorzugt, konnte auch auf die App „iFretless Bass“ zurückgreifen (was dann auch beim zweiten Termin geschah).

Da die Playground-Session den Teilnehmenden sehr viel Spaß bereitet und deshalb recht viel Zeit in Anspruch genommen hatte, mussten wir nun etwas aufs Gas treten. Unter den Teilnehmenden fühlte sich keiner so recht berufen, den Schlagzeuger zu mimen. Also wurde SNAP kurzerhand mit einem programmierten einfachen Beat gestartet. Dazu spielten die Workshopper die von mir vorgegebenen Harmonien auf SoundPrism. Die mit iFretless Bass gespielte Bassline orientierte sich an diesem Songkonzept. Das Ergebnis klingt dann so:

Wie zu hören ist, improvisierten zwei Teilnehmende dazu Melodien mit verschiedenen Instrumenten (Rhodes und Trombone Plunger). Dies wurde mit der App „ThumbJam“ umgesetzt. Zu Beginn und am Ende des Songs ergänzte ich mit der App „FLUX:FX“ schließlich noch ein paar kleine Soundeffekte.

 

Wie man zum Produzenten wird…

Im abschließenden 3. Teil des Workshops erklärte ich den Teilnehmenden die Funktionsweisen und Anwendungsmöglichkeiten verschiedener Musikproduktionsapps. Die verschiedenen Aufgabenbereiche, die in der 2. Workshop-Phase kennengelernt und unter den Teilnehmenden aufgeteilt worden war, kann nun von einer Person allein mit einer einzigen App mehr oder weniger komplett umgesetzt werden. Zumindest den Erfordernissen der (elektronischen) Musikproduktion kann so schon ausführlich entsprochen werden. Empfehlen kann ich die folgenden Apps für Musikproduktionen:

  • Auxy bietet eine Mischung aus Noteneditor und Drumsequenzer in mehreren Spuren & Sequenzen für Drumbeats, Bassline, Melodien und Harmonien.
  • Figure bietet drei Spuren für Beat, Bassline und Melodie und ist im Handumdrehen zu programmieren und variieren.
  • Beatonal funktioniert ähnlich wie Figure, verfügt jedoch über 4 Spuren (zusätzlich gibt es noch eine Spur für Harmonien) und vor allem: diese App ist auch für Android-Geräte erhältlich.

 

Mein Fazit zum Workshop

Wie für mich an den strahlenden Gesichtern deutlich zu erkennen war, hat es den Beteiligten großen Spaß bereitet. Selbst nach Workshopende blieben noch einige Teilnehmende zum Gespräch und Informationsaustausch. Einige weitere Interessierte gesellten sich hinzu und ein Teenager erprobte sich noch 20 Minuten als Appmusiker, während sich seine Eltern nach weitereren Möglichkeiten von Appmusik-Workshops und AGs an Bibliotheken und Schulen erkundigten.

Besonders die Playground-Sessions in der ersten Phase waren für die Teilnehmenden eine mitreißende und interessante musikalische Erfahrung mit sehr schönen Ergebnissen. Das gemeinsame Musizieren in der zweiten Phase des Workshops war zwar letztendlich von Erfolg gekrönt, es zeigte sich aber auch, dass die tiefergehende musikalische Arbeit mit Apps in der Gruppe doch auch einen größeren zeitlichen Rahmen benötigen würde. Mit einigen wenigen gezielten Vorgaben allerdings konnten aber schon interessant klingende Parts entwickelt und gemeinsam als Band musiziert werden.

In der dritten Phase zeigte sich großes Interesse und zuweilen auch Erstaunen darüber, wie schnell man mit einzelnen Apps vorzeigbare Kleinkompositionen erstellen kann. Insofern stellten die vorgestellten Musikproduktionsapps noch mal ein weiteres Highlight dar. Wer bei diesen Apps allerdings nach einem 3/4-Takt sucht, wird enttäuscht: solche „exotischen“ musikalischen Wünsche können diese (kostenlosen) Programme nicht bedienen. Elektronische Musik im Walzertakt stellt tatsächlich eine Marktlücke dar…

Wer nun Lust bekommen hat, so einen Appmusik-Workshop selbst einmal zu besuchen, der sollte gelegentlich mal auf der Homepage der ZLB im Veranstaltungsprogramm nachsehen oder schreibe mir eine Mail an juergen@app2music.de – dann gebe ich Bescheid, sobald ein neuer Termin feststeht.

Viel Spaß beim Musizieren mit Apps.

Jürgen

 

Jürgen Grohs ist Gitarrist und Sänger. Er spielt & singt in diversen Bands, unterrichtet Gitarre, Ukulele & E-Bass und war Teilnehmer des Zertifikatskurses tAPP2. Seit 2016 ist er aktiv im app2music e.V.: er leitet appmusik-Workshops und führt an Berliner Schulen Appmusik-AGs, Projekttage und sogenannte Tandems (Appmusik-Projekte als Erweiterung des regulären Musikunterrichts) durch.

Eine Antwort zu “Gute Bibliotheken sind für Überraschungen gut! Musikworkshops mit Apps für Erwachsene.”

  1. Das hat großen Spaß gemacht 🙂

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